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45. „Budim essen?“ – Zwei Kulturen, ein Dialekt

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Katharina die Große, seit 1762 Zarin von Russland, erließ im Jahr 1763 das sogenannte Einladungsmanifest. Das Manifest war ein Angebot an alle Ausländer – aber insbesondere an die Deutschen –, nach Russland umzusiedeln.

Im 15. Jahrhundert hatte Russland seine Landfläche um das etwa 52-fache vergrößert und viele Teile des Landes waren unbewohnt. Gerade die Gegenden am Schwarzen Meer und entlang der Wolga waren nur dünn besiedelt. Durch die Anwerbung von Ausländern für die diese Gebiete erhoffte sich Katharina die Große einen wirtschaftlichen und sozio-kulturellen Aufschwung.

Die Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung, finanzielle Starthilfe, 30 Hektar Land pro Familie, Steuervergünstigungen sowie Sprach- und Religionsfreiheit – dies waren einige der Vorteile, mit denen das Manifest warb. Die Deutschen erhofften sich eine sichere Zukunft, Stabilität und gute Lebensbedingungen in ihrer neuen Heimat.

Innerhalb der ersten fünf Jahre siedelten über 30.000 Menschen nach Russland um. Viele Deutsche besiedelten die Oblast Saratow an der Wolga. Dort entstanden im Verlauf der Jahre 66 evangelische und 38 katholische Kolonien. In den 1760er Jahren wurde Balzer gegründet, heute Krasnoarmeijsk.

1933 wurde Maria Kaufmann* in dieser Kolonie geboren. Auf dem Hof ihrer Familie war immer viel los: Viel schnatterndes Geflügel, leckeres Gemüse, freundliche Nachbarn und tobende Geschwisterkinder prägten Marias Kindheit. Als sie gerade sieben Jahre alt war, verdunkelte sich das idyllische Bild jedoch. Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion hatte schwerwiegende Folgen für die deutschen Familien in Russland. Der sowjetische Erlass „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Volga-Rayons leben“ vom 28. August 1941 sah vor, sie in Richtung Osten abzuschieben.

Noch in diesem Jahr wurde Marias Familie in eine „Spezialsiedlung“ in Kasachstan gebracht, in der sie auf Schritt und Tritt überwacht wurden. Einmal im Monat musste sich die Familie persönlich bei den sowjetischen Behörden melden und diese über ihren Verbleib informieren. Bis zur Auflösung der „Spezialsiedlung“ im Jahr 1956 – also lange nach Kriegsende – durfte Maria den Ort nicht verlassen. Die russlanddeutschen Familien wurden dann zwar rehabilitiert. Aber wie ein zu Hause fühlte sich Russland für viele nicht mehr an.

Die mittlerweile 22-jährige Maria blieb in Kasachstan und lernte bei der Arbeit als Kauffrau ihren zukünftigen Ehemann kennen und lieben. Die beiden bekamen in den 1960er Jahren zwei Söhne und begannen, sich selbst einen Hof aufzubauen, bis Maria erkrankte. Für sie stand fest: Sie will ihren Lebensabend nicht in Russland verbringen, sondern in Deutschland; an dem Ort leben und sterben, den ihre Vorfahren vor fast 200 Jahren verlassen hatten.

1992 stellte sie den „Antrag auf Aussiedlung“ für sich, ihren Ehemann, ihre zwei Söhne und deren Ehefrauen. Marias Cousine Erna, die schon in den 1970er Jahren nach Deutschland auswanderte, half ihr bei der Antragsstellung. Zwei Jahre später erhielt sie die Aufnahmebescheide und 1995 war die „Anforderung“ – der „Ruf“ nach Deutschland – angekommen.

Mit Büchern, Gläsern und Decken im Gepäck machte sich Maria mit ihrer Familie auf den Weg in die neue, alte Heimat. Ungefähr zwei Wochen blieb die fünfköpfige Mehrgenerationenfamilie im Grenzdurchgangslager Osnabrück-Bramsche. An Privatsphäre war hier nicht zu denken: In einem kleinen Zimmer reihte sich Hochbett an Hochbett. Danach wurde die Familie einem Übergangswohnheim in Sachsen zugeteilt. Anders als die anderen Bewohner, musste Maria hier keinen Deutschkurs belegen. Sie galt nach Paragraf 4 des Bundesvertriebenengesetzes als Spätaussiedlerin und konnte ihre „deutsche Volkszugehörigkeit“ nachweisen.

Nachdem Marias Sohn schon 1996 eine Wohnung in Osnabrück gefunden hatte, holte er ein Jahr später Maria mit ihrem Ehemann zu sich. Auch 20 Jahre nach dem Einzug sah die Wohnung nicht „typisch deutsch“ aus: An der Wand hingen Teppiche und in einer großen Vitrine im Wohnzimmer stand Glas und Porzellan aus Russland. In der Familie wurde fast ausschließlich Russisch gesprochen; Marias Enkelkinder halfen ihr bei der Übersetzung deutscher Briefe und Dokumente. Schräg gegenüber der Wohnung war ein russisches Feinkostgeschäft, in dem es neben frischem Gemüse auch alle Zutaten und Gewürze für russische Gerichte gab.

Manchmal, wenn Maria gebrochen Deutsch redete, hörte man einen besonderen Dialekt heraus. Lange überlegte die Familie, wo er herkam und machte Späße darüber. Erst nach ihrem Tod fanden ihre Enkel heraus, dass Marias Vorfahren aus Lübeck stammten. Über fast 200 Jahre hatte sich der Dialekt verändert und mit russischem gemischt, bis er kaum noch zu erkennen war.

(anonym)

 


Steckbrief

Titel      „Anforderung“
KünstlerIn/HerstellerIn Bezirksverwaltungsstelle Hardtberg – Bürgeramt
Material/Technik           Papier
Herstellungsort Bonn-Duisdorf
Datierung          29. April 1994
Maße    29,7 x 21 cm
Bemerkungen   Auf dem Dokument stehen zwei Daten: der 29. April 1994 (Ausstellungsdatum) und der 2. Mai (Tag der Beglaubigung)
Aufbewahrungsort        privat

 

Wegen Umbau geöffnet

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