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37. „Kein-Ohrhausen“ in Osnabrück!

Flüchtlingsheim am Natruper Holz, Osnabrück

Osnabrück ist eine echte Friedensstadt, das ist keine Phrase und auch kein Marketinggag, sondern gelebte gesellschaftliche Realität.“ Mit diesen Worten eröffnete Boris Pistorius, der niedersächsische Minister für Inneres und Sport, zusammen mit Wolfgang Griesert, dem Oberbürgermeister der Stadt Osnabrück, Mitte Dezember 2014 das Flüchtlingsheim am Natruper Holz als vierten Standort der Landesaufnahmebehörde für AsylbewerberInnen in Niedersachsen.

Pistorius, selbst von 2006 bis 2013 Oberbürgermeister von Osnabrück, spielte mit seiner Bemerkung auf das Image der „Friedensstadt“ an, das die Stadt in den 1990er Jahren wählte. Historischer Hintergrund dafür ist die Verkündung des Westfälischen Friedens 1648 in Münster und Osnabrück, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Zu diesem Image gehört nach dem Selbstverständnis der Politik auch eine besondere Offenheit gegenüber zugewanderten Menschen und ihrer jeweiligen Kultur.

Sein großes Vertrauen in die Osnabrücker Bürger und Bürgerinnen, Flüchtlinge auch tatsächlich freundlich in ihrer Stadt zu empfangen, sah Pistorius in den Aktivitäten vieler privater Initiativen, Vereine und Wohlfahrtsverbände bestätigt. Ähnlich offen zeigte sich sein Nachfolger Wolfgang Griesert bei der Eröffnung des Hauses, als er sich mit wohlwollenden Worten an die dort aufgenommenen Flüchtlinge wandte: „Wir wünschen Ihnen gute Wochen hier in Osnabrück – und dass Sie nette Menschen kennenlernen.“ Griesert setzte bei seinem Amtsantritt eigene Akzente in der Integrationsarbeit der Stadt, indem er die Integrationsbeauftragte Seda Raß-Turgut direkt dem Amt des Oberbürgermeisters unterstellte. „Ich will damit die Bedeutung der Aufgabe betonen und notwendige Entscheidungswege abkürzen“, sagte Griesert anderenorts.

Unter den Vorzeichen einer sich angesichts des nicht enden wollenden Bürgerkriegs absehbar verschärfenden Situation in Syrien und mit Blick auf die schlimmen Schicksale jener Menschen, die versuchten, mit Hilfe von Fluchthelfern über das Mittelmeer in die „Festung Europa“ zu gelangen, wurde Ende 2014 relativ kurzfristig die Idee realisiert, rund 7.000 Quadratmeter des Gebäudekomplexes der ehemaligen Klinik am Natruper Holz für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen.

Politische Vertreter von CDU, SPD und Bündnis 90 / Die Grünen erkannten schon damals, dass sich die Lage und Qualität des Gebäudes für eine Nutzung als Erstaufnahmeeinrichtung besonders eignen würde. Der Standort bot gute Voraussetzungen für die Versorgung, Betreuung und Schulung einer größeren Gruppe geflüchteter Menschen. Die für 600 Personen ausgelegte Erstaufnahmeeinrichtung – durch zusätzlich bereitgestellte Wohncontainer stehen aktuell 100 weitere Plätze zur Verfügung – wird seitdem in Diakonischer Trägerschaft in Kooperation vom Diakoniewerk Osnabrück gGmbH, dem Diakonischen Werk in Stadt und Landkreis Osnabrück gGmbH und der Evangelischen Jugendhilfe Osnabrück gGmbH betrieben.

Trotz des vorteilhaften Standortes und des großen allseitigen Engagements befindet sich die Einrichtung nach wie vor im Aufbau. Gefragt sind immer noch zusätzliche Hilfsprojekte, welche die bestehende Grundausstattung ergänzen und die Beteiligten unterstützen. Für die individuelle Mobilität der Flüchtlinge werden zusätzliche Angebote diskutiert. In Anbetracht der angstbehafteten Schicksale und auf ausdrücklichen Wunsch der Menschen rückte bald der Ausbau der Sprachförderung sowie die Bereitstellung frei zugänglicher Kommunikationsmittel (Wlan) im Gebäude in das Zentrum der weiteren Planungen.

Viele weitere Angebote richten sich nach den Bedürfnissen der Menschen. Die Grünfläche vor dem Haus bietet den Bewohnerinnen und Bewohnern beispielsweise die Möglichkeit, sich mithilfe sportlicher Aktivitäten dem beengten Alltag für einen Moment zu entziehen. Im August 2015 sorgte eine Sommeraktion der Feuerwehr, die den Kindern eine feuchte Abkühlung verschaffte, für großen Spaß. Am 5. September 2015 feierte das Flüchtlingsheim ein erstes Sommerfest, welches den Gästen ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm bot. Die Kinder erfreuten sich besonders an einer Hüpfburg, einer Zaubershow, einem Fahrradparcours und bunten Schminkgesichtern. Auch Gäste, die nicht zu den Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses zählten, kamen und feierten gemeinsam mit den Flüchtlingen.

Dass für viele Osnabrücker Bürgerinnen und Bürger die „Friedensstadt“ nicht nur ein inhaltloses Label ist sondern von ihnen auch bewusst gelebt wird, zeigte sich in zahlreichen Anrufen und eMails, den Menschen helfen zu wollen. Die Integrationsbeauftragte Seda Raß-Turgut würdigte ein solches Verhalten und verwies bei der Eröffnung des Festes in ihrem Grußwort auf eine „ganz besondere Stimmung“ in Osnabrück.

Auch der Museums- und Kunstverein Osnabrück beteiligt sich gegenwärtig an der Unterstützung der Jüngsten und entwarf hierfür ein Hilfskonzept. Dieses bietet den Kindern einmal wöchentlich die Möglichkeit, ihren Alltag zu vergessen und sich künstlerisch-spielerisch mitgebrachten Farben und Materialien zu widmen.

Schon nach drei bis vier Wochen erfolgt üblicherweise der Umzug der Geflüchteten in eine Kommune in Niedersachsen. In dieser Zwischenzeit, die noch stark von Unbeständigkeit geprägt ist, gilt es, die Menschen vorrangig mit allem Notwendigen zu versorgen. Dies fordert die zahlreichen freiwilligen Helferinnen und Helfer stark heraus. Akteure wie der Museums- und Kunstverein versuchen deshalb in Zusammenarbeit mit den Betreibern des Flüchtlingshauses, sich gut zu vernetzen, damit die Sach- und Geldspenden möglichst sinnvoll eingesetzt werden und Hilfsprojekte längerfristig angeboten werden können.

Die Geschichte des Bauwerks selbst beginnt bereits im in der NS-Zeit, als im Zuge der Remilitarisierung zur Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges auf dem Gelände am Natruper Holz ein Wehrmachtslazarett errichtet werden sollte. Nachdem die Stadt das Gelände 1936 dem Heeresbauamt abtgetreten hatte, wurde mit dem Bau des Gebäudes begonnen. Die Arbeiten stoppten allerdings 1939 mit Ausbruch des Krieges; das Gebäude blieb zunächst eine Baustelle.

Nachdem die verheerenden Luftangriffe auf die Stadt den Lebensraum vieler Zivilisten zerstört hatten und die Menschen in ihrer Not gezwungen waren, anderenorts Unterschlupf zu finden, richteten sich einige der Ausgebombten übergangsweise in den Mauern des Rohbaus am Natruper Holz ein oder verwendeten die Baurruine als Steinbruch für den Bau neuen Wohnraumes. Somit bot das Gebäude bereits Ende des Zweiten Weltkrieges – auf freilich ganz andere Weise –Menschen Schutz.

In der Nachkriegszeit verfiel die Bauruine, bis sie schließlich 1972 zu einem Bundeswehrkrankenhaus ausgebaut wurde. Das Gebäude verfügte zu dieser Zeit über einen Atombunker mit vollständiger medizinsch-technischer Ausstattung. Als die Bundeswehr die Einrichtung aufgab, übernahmen die städtischen Kliniken das Gebäude und brachten dort von 1991 bis 2014 eine geriatrische Abteilung sowie das Zentrum zur Behandlung neurologischer Verletzungen unter. Als auch die städtischen Kliniken auszogen, wurde das Gebäude frei für die Nutzung als Flüchtlingsheim.

In der gut vernetzten Einrichtung arbeiten viele verschiedene Hände der Friedenstadt Osnabrück heute gemeinsam daran, ein Ankommen der Flüchtlinge in Deutschland zielführend mitzugestalten. Für besondere Medienpräsenz und eine überregionale Ausstrahlung sorgt das Engagement des Schauspielers Till Schweiger seit Sommer 2015. Bereits vor Gründung der „Till Schweiger Foundation“ am 21. August 2014 kündigte dieser eine finanzielle Unterstützung für das Haus am Natruper Holz an, da dieses sich als einziger privater gemeinnütziger Betrieb des Landes und aufgrund der Mitarbeit seiner Beschäftigten besonders auszeichnet. Im Zentrum der Foundation steht die finanzielle Hilfe für den Ausbau von Erstaufnahmestellen, um den Menschen bei ihrer Ankunft in Deutschland mit fördernden Angeboten ein starkes Willkommensgefühl entgegenzubringen. Bei einem Besuch von Pistorius, Griesert, Schweiger und Thomas D. im Oktober 2015 lobten die prominenten Stimmen denn auch deutlich die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter aus der Friedensstadt Osnabrück: „Respekt, Respekt, Respekt“, sagte Till Schweiger und wurde von Thomas D, ebenfalls Mitglied der Til Schweiger Foundation, mit einem kräftigen „Ja, Mann!“ unterstützt.

(Lea-Nora Schaefer)


Steckbrief

Titel: Niedersächsische Landesaufnahmebehörde für Asylbewerber (Flüchtlingsheim am Natruper Holz)
KünstlerIn/HerstellerIn: Heeresbauamt
Material/Technik: Stein, Holz, Glas, Metall
Herstellungsort: Osnabrück
Datierung: 1936
Aufbewahrungsort: Stadt Osnabrück

Wegen Umbau geöffnet

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