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36. „Best move I ever made“ – Der Brite Michael Cherry leistet seinen Militärdienst 1954–1956 in Osnabrück

"Still playing soldiers", Fotografie von Michael Cherry, Osnabrück 1954/56

Eigentlich wollte der damals 19-Jährige nach Gibraltar, doch das gemäßigte Klima in Deutschland ist für ihn besser verträglich – die Entscheidung für Osnabrück hat er nicht bereut. Um seinen Militärdienst abzuleisten, unterbricht der Sohn einer Stahlarbeiterfamilie aus Derbyshire seine Lehre bei den Staveley Eisenwerken sowie am technischen Kolleg in Chesterfield und absolviert die militärische Grundausbildung in Barton Stacey. Der Einheit „Royal Electrical and Mechanical Engineers“ angehörend, wird er außerdem Waffentechniker an einer Flugabwehrkanone.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs sind die britischen Streitkräfte in Osnabrück eingezogen und haben die deutschen Kasernen besetzt; mit der Zeit ist Osnabrück der größte britische Militärstandort außerhalb Großbritanniens geworden. Cherry wird in den „Quebec Barracks“ in Eversburg untergebracht, wo sich auch das britische Hauptquartier befindet.

Bei „Phoco“ im Ritz-Kino an der Lotter Straße erwirbt der junge Cherry eine Kleinbildkamera des Typs Agfa Solinette, mit der er seine Erlebnisse in Deutschland festhält. Selbst heute ist die Kamera noch in Benutzung – Cherry besitzt immer noch den Kassenbon.

Ein Foto zeigt beispielsweise das Pfannkuchenbacken am Faschingsdienstag: Die Kameraden stellen fest, dass sie noch nie selbst Pfannkuchen zubereitet haben und Cherry lässt sich von seiner Mutter das Rezept schicken. Die Pfannkuchen schmecken zwar, aber nicht so gut wie zu Hause – vielleicht war es nicht das richtige Mehl.

Bei den britischen Soldaten wird Sport groß geschrieben. Wettkämpfe im Tauziehen und „Schubkarrenfahren“ werden organisiert, und man fährt nach Münster zu einer Basketball-Meisterschaft. Überdies wird Cherry mit 16 weiteren Soldaten für einen 14-tägigen Skikurs in Bad Harzburg ausgewählt; es gibt übermäßig viel Schnee. Obwohl die Kameraden offensichtlich viel Spaß haben, wird Cherry danach nie wieder auf Skiern stehen.

Weihnachten 1955 ist ein weiterer Höhepunkt: Nach einem Essen im „Walhalla“ geht es auf den Osnabrücker Weihnachtsmarkt, wo die Soldaten Stofftiere gewinnen. In der Kaserne wird feuchtfröhlich weitergefeiert. Doch Cherry denkt auch an seine Lieben zu Hause in England. In einem selbst verfassten Gedicht an seine Großmutter schreibt er, Weihnachten in Osnabrück sei „not so bad, But at home better I have had.“

Teil des Militärdienstes ist das „Kriegsspiel“: Die Kameraden werden nicht über ihren genauen Standort informiert und müssen LKW, Feldküche und Kanone vor den Gegnern tarnen. Halb Ernst, halb Spiel – und das in einer Umgebung, die durchaus noch Spuren des Krieges zeigt. 1945 sind über 60 % Osnabrücks zerstört, in der Innenstadt sind es sogar über 80 %. Das Aufräumen und Aufbauen gehört zwar zu den ersten Maßnahmen der eingesetzten britischen Militärregierung, doch in der harten Nachkriegszeit geht der Aufbau nur langsam voran. Ein Foto Cherrys zeigt die Katharinenkirche mit noch immer beschädigtem Turm.

Zur den Routineaufgaben in Cherrys Einheit gehört es, Lastwagen zur Inspektion bereit zu machen, Flugabwehrkanonen zu prüfen und zu warten. Mit letzteren wird an der Ostsee zur Übung auf einen Bremsfallschirm im Schlepptau eines alten Fliegers geschossen – Hut ab vor dem Piloten.

Flugzeuge beschäftigen Cherry auch in seiner Freizeit. Am Wochenende leiht er sich zusammen mit einem Freund Fahrräder und sie fahren – Sandwiches im Gepäck – zum Flugplatz nach Achmer, wo sie die Segler beobachten, die Ruhe genießen oder sich mit den freundlichen Mitgliedern des Flugclubs unterhalten.

Das Fraternisierungsverbot, das den alliierten Truppen ursprünglich den Kontakt zur deutschen Bevölkerung untersagt, ist schon bei Kriegsende nicht strikt eingehalten worden. Als die Kameraden bei einer Übung in der Nähe eines Bauernhofes mit ihrem LKW halten, kommen Kinder herbei und lachen über die „komische“ Sprache der britischen Soldaten. Cherry schenkt ihnen einen alten Tennisball, mit dem sie Fußball spielen. Beim „Tag der offenen Tür“ werden die Kinder der Soldaten und Zivilangestellten ins Lager eingeladen und dürfen mit dem „Lollipop-Express“ fahren, einem kleinen Zug, der zuvor in den Werkstätten der Kaserne hergestellt worden ist. Spätestens nach dem Beitritt Deutschlands zur NATO gehörte es zur Politik des britischen Militärs, ein normales Verhältnis zwischen Briten und Deutschen zu schaffen.

(Laura Miete)


Steckbrief

Titel: „Still playing soldiers“
KünstlerIn/HerstellerIn: Michael Cherry (*1935 in Barrow Hill/England)
Material/Technik: Schwarz-Weiß-Fotografie
Herstellungsort: Osnabrück
Datierung: 1954/56
Maße: 15 x 10 cm
Bemerkungen: „I haven’t been to Osnabrueck since 1956 but you never know…“ – Erinnerungsfotos des britischen Soldaten Michael Cherry; Ausstellung im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück (17. Mai bis 26. Juli 2009)
Aufbewahrungsort: Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück

Wegen Umbau geöffnet

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