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34. „Ich habe gemalt, um alles zu überleben.“

"Ein verregneter Sonntag - in Gedanken bei meinen Freunden"

Ewald Serra wurde am 31. März 1935 in San José / Uruguay geboren. Er war verheiratet mit Ruth Gonzalez Serra (gestorben 2014) und hat fünf Söhne und eine Tochter – Juan Pablo, Andrés, Gabriel, Sebastián, Esteban und Marcela. Nach dem Besuch der Volksschule und der höheren Schule (Liceo) studierte Ewald Serra in Uruguay Zeichnen und Malerei (1950–1954). Es schlossen sich private Anstellungen an:

  • 1954–1960 in Montevideo / Uruguay
  • 1960–1964: Verantwortlicher Direktor für das Programm Gemeinschaftsentwicklung in den Arbeitersiedlungen von Santiago de Chile (Institut für Volkserziehung)
  • 1964–1967: Praktikum im Metallkunsthandwerk in der Werkstatt von Professor Pedro Bascunan, Santiago de Chile
  • 1968–1970: Studierender an der Fakultät für Schöne Künste, Abteilung Kunsthandwerk, Atelier „Emaille auf Metall“
  • 1970–1973: Assistent in der Abteilung Kunsthandwerk, Fakultät der Schönen Künste, Universität Santiago de Chile

Der Militärputsch am 11. September 1973 beendete abrupt seine Arbeit und sein Leben in Chile. Nach Verhaftung und Freilassung floh die Familie in die UN-Vertretung in Santiago und bekam Asyl in der Bundesrepublik Deutschland. Als Kontingentflüchtlinge kamen sie 1973/74 nach Osnabrück, wo Ewald Serra bis zum Rentenalter in der Stadtgärtnerei arbeitete. Jetzt lebt er in Hamburg, in der Nähe seiner Kinder und Enkel. „Das bittere Wort Exil“ trifft auf Ewald zu, obwohl er keine Bitterkeit ausstrahlt, höchstens eine tiefe Traurigkeit. Die verarbeitete er in seinen Zeichnungen und Emaille-Arbeiten, die stark vom Kunsthandwerk geprägt sind. Von sich selbst sagt er: „Ich bin kein Künstler – ich habe gemalt, um zu überleben.“ Was sonst tun Künstler?

Hintergründe zur politischen Situation in Chile

1969 wurde die Unidad Popular (UP) gebildet, ein Zusammenschluss von Sozialisten, Kommunisten und einigen kleineren Linksparteien. Als deren Kandidat errang Salvador Allende am 4. September 1970 36,3 % der Stimmen, sein konservativer Gegenkandidat Jorge Alessandri 34,9 %, der Christdemokrat Radomiro Tomic´ 27,9 %. Da es in Chile eine lange Tradition hat, dass das Parlament sich für den Kandidaten mit der relativen Mehrheit entscheidet, wurde Allende zum Präsidenten gewählt.

Salvador Allende wurde am 26. Juni 1908 in der chilenischen Hafenstadt Valparaiso geboren. Sein Vater war Beamter, dessen Familie aus dem Baskenland stammte. Die Familie der Mutter, Laura Gossens Uribe, stammte aus Belgien. Als Medizinstudent in Santiago de Chile wurde Allende zum Stellvertretenden Präsidenten der Föderation chilenischer Studenten (FECH) gewählt. 1929 schloss er sich nach dem Vorbild seines Vaters den Freimaurern an. 1933 promovierte er und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Sozialistischen Partei der Region Valparaiso. 1945 ließ er sich in Valparaiso zum Senator wählen. Allendes bürgerliche Herkunft wurde ihm vor allem im Ausland oft vorgehalten – nur von seinen Anhängern nicht. Er war sehr beliebt – auch einfache Menschen fühlten sich von ihm angesprochen und akzeptiert. („Allende, Allende, el pueblo te defende!“)

Nach seiner Wahl zum Präsidenten Chiles legte Salvador Allende die Schwerpunkte seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik fest: Die entschädigungslose Verstaatlichung der Bodenschätze (allen voran des Kupferbergbaus), die Enteignung von ausländischen Großunternehmen, der Banken und eine Agrarreform, bei der 20.000 Quadratkilometer Fläche in relativ kurzer Zeit von Großgrundbesitzern an Bauern und Kollektive übergeben wurden. Die sozialistische Regierung wollte Chile unabhängiger machen – insbesondere von den USA.

Die Preise für Mieten und Grundbedarfsmittel wurden staatlich festgesetzt, Schulbildung und Gesundheitsversorgung kostenlos angeboten. Die Wirtschaftspolitik Allendes trug allerdings dazu bei, die Inflation von 29 % im Jahre 1970 binnen zwei Jahren auf 160 % hochzutreiben. Von den USA durchgesetzte Handels- und Kreditembargos verschärften diese Entwicklung. Chile geriet in eine schwere Wirtschaftskrise. Die Privatinvestitionen gingen aus Angst vor Verstaatlichung zurück. Die Regierung druckte daraufhin neues Geld; die Inflation erreichte über 600 %.

1972 zwangen Versorgungsengpässe die Regierung, Lebensmittel zu rationieren. Als Streiks und Proteste Ende 1972 zu Straßenschlachten eskalierten, rief Salvador Allende den Notstand aus. Um die sich immer stärker zuspitzende Lage unter Kontrolle zu bekommen, holte er hochrangige Offiziere ins Kabinett, da er sich auf die traditionelle Loyalität der Armee zu dem gewählten Staatsoberhaupt verließ. Dadurch beruhigte sich die Lage Anfang 1973 so weit, dass Parlamentswahlen abgehalten werden konnten, bei denen die UP 44 % erreichte.

Chiles „Nine/Eleven“ – Der Militärputsch vom 11. September 1973

General Prats, Innenminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, vereitelte den Putschversuch eines Panzerregiments am 29. Juni 1973. Als der Kongress dem Staatspräsidenten in einer symbolischen Geste das Misstrauen aussprach und die Generäle zum Rücktritt aufforderte, überließ General Prats seine Ämter seinem Stellvertreter General Augusto Pinochet.

Am 10. September erklärte sich Salvador Allende bereit, das Volk durch ein Plebiszit über seinen Verbleib im Amt entscheiden zu lassen. Doch dazu kam es nicht mehr: Am 11. September 1973 erhob sich die Flotte in Valparaiso gegen ihn – es kam zu einem Militärputsch unter der Führung von Pinochet. Allende hielt aus dem Regierungssitz, der „Moneda“, heraus eine bewegende, letzte Ansprache an sein Volk, und das während heftiger Bombardements. Gegen 14 Uhr begann die Armee mit der Erstürmung der Moneda, und nach kurzem Gefecht ordnete Salvador Allende die Kapitulation an. Nur er selbst blieb im „Saal der Unabhängigkeit“ zurück und beging dort nach offizieller Version Selbstmord.

Eine Militärjunta übernahm das Regime und begann eine grausame, blutige Abrechnung mit Kritikern und Anhängern Salvador Allendes. Tausende wurden verhaftet, gefoltert, getötet – oder sie verschwanden spurlos. Anderen gelang die Flucht in Botschaften. Verschiedene Länder erklärten sich bereit, ein Kontingent an Flüchtlingen aufzunehmen – unter anderem die Bundesrepublik Deutschland. Dadurch waren viele Menschen in Sicherheit, aber auf dem Weg ins Exil.

Nachdem Pinochet die Macht ergriffen hatte, sagte US-Außenminister Henry Kissinger, dass die Vereinigten Staaten „es nicht getan haben“, aber dass sie „größtmögliche Voraussetzungen geschaffen haben“. Im September 2003 widmete der Sender „arte“ anlässlich des Jahrestages dem Militärputsch in Chile und seinen Folgen eine Reihe von Sendungen, u.a. ein Interview mit Henry Kissinger. Darin sagte er wörtlich: „Chile was a mistake.“ Eine lapidare Feststellung – immerhin ist Henry Kissinger Friedensnobelpreisträger. In einer anderen Sendung dieser Reihe diskutierte ein älterer Chilene in Santiago mit Jugendlichen über die Zeit Salvador Allendes. Zum Schluss sagte er unter Tränen: „Era un sueño, pero era un sueño noble. (Es war ein Traum, aber es war ein nobler Traum.)“

(Anke Fedrowitz)

Vom 7. März bis zum 13. September 2015 zeigte das Kulturgeschichtliche Museum im Rahmen des „Forums Migration“ die Ausstellung „,Ich habe gemalt, um alles zu überleben‘ Das Werk des Ewald Serra“.


Steckbrief

Titel: Ein verregneter Sonntag – in Gedanken bei meinen Freunden
KünstlerIn/HerstellerIn: Ewald Serra (* San José / Uruguay 1935)
Material/Technik: Bleistift, Karton
Herstellungsort: Osnabrück
Datierung: 1975
Maße: 63 x 45 cm
Aufbewahrungsort: Anke Fedrowitz, Osnabrück

Wegen Umbau geöffnet

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