Wir verwenden Cookies, Matomo Web Analytics und den Google Tag Manager, um unsere Website ständig zu verbessern.

Mehr Informationen

Akzeptieren

32. Die Wüstenfrau und der Schneetraum

Kopftuch, Polyester, Palästina

In Nablus, einer Stadt im Norden Palästinas, wurde ich als Tochter eines Bankkaufmanns und einer Grundschullehrerin geboren. 1980 wurde Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärt, was Proteste und Unruhen in der Region verursachte. Zudem verschärfte sich 1981 die wirtschaftliche Lage Palästinas, was meine achtköpfige Familie wie viele andere veranlasste, aus dem geliebten heiligen Land zum Arbeiten auf die arabische Halbinsel umzuziehen. Aufgewachsen in der Wüste, war Regen ein seltenes Gut und Schnee ein Kindheitstraum. Ich konnte damals nicht ahnen, dass ich eines Tages den Sand und die Sonne vermissen würde ...

Im Jahr 2000 absolvierte ich mein Jura-Studium. Ein Jahr später lernte ich meinen Ex-Mann kennen und wechselte, aus Hoffnung auf die Liebe, meinen Wohnort. Nach der Hochzeitsfeier flog ich im August 2001 mit ihm nach Deutschland. Das Flugzeug landete in der Hansestadt Bremen, und nach einem kurzen Besuch bei Freunden sind wir weiter nach Osnabrück gefahren. Dort hatte sich mein ehemaliger Mann als Arzt niedergelassen. Meine erste Wohnung lag in Hagen, einem schönen Wald-Dorf in der Nähe von Osnabrück. Bei Spaziergängen in dem schönen Teutoburger Wald oder durch die grünen Wiesen Hagens fand ich Trost und konnte das Heimweh nach meiner Familie verarbeiten.

Die alte, sympathische deutsche Nachbarin ging davon aus, dass die neue „fremde“ Nachbarin deutsch verstehen müsse und somit legte sie munter los. Bei dieser und ähnlichen Unterhaltungen kamen die Hände und die Füße nicht selten zum Einsatz. Die Kommunikation klappte jeden Tag besser, als ich anfing einen Deutschkurs in der benachbarten Stadt Bielefeld zu besuchen.

Die skeptischen Bemerkungen über meine Sprachkenntnisse wurden mir zunehmend verständlicher – aber diese Skepsis war nicht mit derjenigen zu vergleichen, die mir entgegenschlug, als ich mich für das Tragen eines „islamischen“ Kopftuches entschied. Erfahrungen, wie in der Öffentlichkeit beschimpft zu werden oder von einem Vermieter auf Grund des Kopftuches eine Absage für eine Wohnung zu erhalten, blieben mir dabei nicht erspart.

Mein Zufluchtsort war – und ist es noch immer – die islamische Gemeinde am Goethering, die „Ibrahim Al-Khalil Moschee“. Dort bin ich einfach eine von vielen und muss mich bezüglich meines Glaubens und meiner Entscheidung für das Tragen des Kopftuches nicht stets rechtfertigen. Darüber hinaus fand ich in den Räumen der Moschee Freunde, Geborgenheit und Orientierung in der neuen Heimat.

Aus meiner Ehe gingen zwei Kinder hervor. Beide beschäftigen sich ständig mit der Frage ihrer Identität: „Woher komme ich denn?“ Sie besuchen die Drei-Religionen-Schule und wir haben Freunde aus vielen Ecken der Welt. Sie erkennen, dass ihre Welt bunt ist und lassen sich von der Vielfalt ihrer Umgebung inspirieren, um ab und zu ganz unschuldige, aber gleichzeitig sehr emotionale Bemerkungen zu machen über ihr Leben und wie sie sich selbst fühlen.

Mich selbst macht diese Frage, woher ich wohl komme, sehr nachdenklich. Ich bin ein Kind gewesen, das in seinem Leben an verschiedenen Orten sehr viele „Kinderzimmer“ hatte. Ich fühle mich zu vielen dieser Orte hingezogen und Heimat ist für mich das, wo meine Lieben sind. In anderen Worten: Heimat ist für mich „überall“.

Jeden zweiten Sommer besuche ich mit meinen Kindern unser Heimatland Palästina und wir freuen uns immer auf eine Wiedervereinigung mit der Familie. Mehr als drei Wochen halten wir aber nicht aus, so groß ist die Sehnsucht nach Osnabrück und den Freunden dort. Die Entscheidung, nach der Trennung von meinem Ex-Mann hier in Deutschland zu bleiben, war so selbstverständlich, dass nicht mal darüber nachgedacht wurde. Die Frau, die einst vom Schnee träumte, fand in dem Osnabrücker Stadtteil „Wüste“ eine Rückzugsoase, einen persönlichen Zufluchtsort. Das einst in der Wüste aufgewachsene Kind lebt als erwachsene Mutter in der Wüste mitten in Osnabrück ihren Schneetraum.

(Rua Khwairah)


Steckbrief

Titel: Kopftuch
KünstlerIn/HerstellerIn: unbekannt
Material/Technik: Polyester
Herstellungsort: Palästina
Datierung: unbekannt
Maße: 50 x 46 cm
Aufbewahrungsort: Privatbesitz, Rua Khwairah, Osnabrück

Wegen Umbau geöffnet

Cookie-Einstellungen

Ausstellungen

Veranstaltungen

Museumsquartier

Vermittlung

Besuch

Kontakt


Schließen

Anmeldung zum Newsletter

Ja, ich bin damit einverstanden, dass das Museumsquartier Osnabrück die oben angegebenen Informationen speichert, um mir den Newsletter zusenden zu können. Ich kann diese Zustimmung jederzeit widerrufen und die Informationen aus den Systemen des Museumsquartiers Osnabrück löschen lassen. Es besteht ein Beschwerderecht bei einer Aufsichtsbehörde für Datenschutz. Weitere Informationen siehe: Datenschutz-Seite.*

* notwendige Angaben

Führungen & Workshops für Privatgruppen

Eine private Führung ist die angenehmste Art, die Werke, die Ausstellungen und die Architektur im Museumsquartier kennen zu lernen.

Anfrage Gruppen-Angebote

Mit diesem Formular senden Sie uns eine unverbindliche Anfrage. Wir melden uns anschließend schnellstmöglich per E-Mail bei Ihnen zurück.

Bitte aktiviere JavaScript in deinem Browser, um dieses Formular fertigzustellen.
Newsletter

Zoom:

1x