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29. „Sie wollen nicht ‚Mohren‘ heißen“

Im Zeitalter des Kolonialismus verstand sich das christliche Europa als Zentrum der Welt. Es sah seine Mission darin, den „Wilden“ seine vermeintlich höher entwickelte Kultur zu bringen und die Welt in seinem Sinne zu „zivilisieren“. Dahinter standen sowohl machtpolitische als auch wirtschaftliche Interessen.

Schon damals war die Welt „globalisiert“. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert blühte der frühkapitalistische Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika. Dabei gingen europäische Tauschprodukte nach Afrika, afrikanische Arbeitssklaven wurden für die Plantagenarbeit nach Amerika verschifft und die Pflanzungserzeugnisse wiederum nach Europa gebracht. Auch die Osnabrücker Region profitierte davon. Auf den Plantagen in der Karibik war das Osnabrücker Leinen als „true born osnabrugs“ begehrt für die Herstellung der leichten Kleidung der Sklavenarbeiter.

Afrika hatte auf diesem Weltmarkt lange Zeit nur die „Kolonialware Mensch“ anzubieten. Sklaven gelangten aber nicht nur unter unmenschlichen Bedingungen zur Plantagenarbeit nach Amerika. Einige kamen auch als Luxusgut an europäische Adelshöfe. Fern ihrer Heimat in eine grotesk anmutende Pagenuniform gezwängt, war der „Mohr“ exotischer „Farbtupfer“ eines unterhaltungssüchtigen Hoflebens.

Osnabrücks Bürgermeister Gerhard Schepeler (1615–1674) war betucht genug, um sich ebenfalls ein solches ‚Statussymbol‘ leisten zu können. Er kaufte sich 1656 in Hamburg einen damals gerade zehn Jahre alten Jungen aus Afrika. Der Verkäufer, ein westfriesischer Händler mit Namen Samuel Schmidt, hatten das Kind 1649 oder 1650 in Guinea als Vierjährigen von einigen holländischen Soldaten erworben, die den Knaben an der westafrikanischen Meeresküste beim Spielen aufgegriffen und verschleppt hatten.

Bürgermeister Schepeler ließ seinen Domestiken im christlichen Glauben erziehen und am 18. Mai 1661 in der Marienkirche durch den Pastor und damaligen Superintendenten Johannes Ludovici (1606–1667/74?) taufen. Der Anlass war von so großer Bedeutung, dass der damals an der Katharinenkirche tätige Ludovici seine dabei gehaltene Predigt extra in Osnabrück drucken ließ. Das hatte sicher damit zu tun, dass im Sinne der Zeit durch diese Taufe eine „heidnische“ Seele gerettet wurde. Das wird auch aus der Kirchengeschichte „Acta historico-ecclesiastica“ ersichtlich, in der ein Kollege Ludovicis 1744 in dem Kapitel zur Ausbreitung der christlichen Religion über diesen konkreten Fall schrieb (Bd. 8, S. 632ff.). Dort wird Christian Gerhard als einer von drei Einwohnern aus Guinea erwähnt, über die der Autor Kunde von ihrer Taufe hatte. Dieser beschreibt jene als „Mohren“, die an den Teufel glauben: „Zwar wollen die Inwohner von Guinea sonst keine Mohren heissen, sondern Nigriten, von dem schwarzen Fluß Nigro, welcher das ganze Land durchläuft, [...]. Jedoch heissen sie recht und billig Mohren, theils wegen ihrer schwarzen Leibfarbe, theils wegen ihres Gözen Fetisso, worunter wohl niemand anders als der leidige Satan verstekt liegt, welcher diesen Heiden öfters in Gestalt eines schwarzen Hundes, oder auch eines kleinen schwarzen Männleins erscheinen soll“.

Die Taufe von 1661 ist der bislang früheste Hinweis auf die Gegenwart eines Afrikaners in Osnabrück. Zwar gab Bürgermeister Schepeler den ‚neuen‘ Christen nach der Taufe frei. Dennoch blieb er letztendlich nur Objekt der Handlung. Sein christlicher Name „Christian Gerhard“ sollte den Getauften künftig an seine Herren in geistlichen und weltlichen Dingen erinnern. Wie der junge Mensch von Afrikas Westküste tatsächlich hieß, wie es ihm auf seiner erzwungenen Reise von Afrika über Hamburg nach Osnabrück erging und was nach 1661 aus ihm wurde, wird sich vermutlich nicht mehr klären lassen.


Steckbrief

Titel: „MOHREN Tauff=Predigt/ Welche bey angestelter Tauffe eines Mohren/ so zu Osnabrüg in St. Marien Kirch am 18 Maij st. n. Anno 1661 durch die Heilige Tauffe dem HERRN Christo zugeführet und einverleibet worden/ Gehalten/ Und auff begehren zum Druck übergeben/ Von M. Iohanne Ludovici, Mindano, Past. Zu St. Catharinen und Superintend. Daselbst. Mit beygefügtem Verzeichnüß/ wie und wann mit was Ceremonien solche Tauffe des Mohren verrichtet.“
KünstlerIn/HerstellerIn: Johannes Ludovici (1606–1667/74?)
Material/Technik: Papier, gedruckt
Herstellungsort: Osnabrück, Verlag Johann Georg Schwander
Datierung: 1661
Maße: Quartformat
Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Diss Jur Coll Max 526 (7)

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