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27. Der ‚Gastarbeiterdichter‘

Der Künstler Fruttuoso Piccolo überließ dem Kulturgeschichtlichen Museum eine Reihe von Büchern, die seine und auch Gedichtssammlungen anderer Künstler mit Migrationshintergrund beinhalten. Die Gedichte basieren auf den individuellen Migrationsgeschichten der Künstler und ihrer subjektiven Erfahrungen. Fruttuoso Piccolos prämierter Gedichtband mit dem Titel „Arlecchino ‚Gastarbeiter‘“ sticht dabei besonders heraus. Das gleichnamige Gedicht lautet wie folgt:

„Arlecchino“ il „Gastarbeiter“

Signore e Signori
buona sera
cioé

Ciao.

Io sono …
anzi io potrei essere:
un contadino,
un manovale,
un operaio,
forse un impegiato
oppure
un dottore.

Potrei
anche essere:
un avvocato,
un ingegnere,
io potrei
anche essere: diu piú.

Un diplomatico
o peggio
ancora
un pensionato
oppure
un disoccupato.

Io sono: „Arlecchino“ il „Gastarbeiter“.

„Harlekin“ der „Gastarbeiter“

Meine Damen und Herren
Guten Abend
besser

Ciao.

Ich bin …
vielmehr ich könnte sein:
ein Bauer,
ein Hilfsarbeiter,
ein Arbeiter,
vielleicht ein Angestellter
oder
ein Doktor.

Ich könnte
auch sein:
ein Rechtsanwalt,
ein Diplomingenieur,
ich könnte
auch sein: viel mehr.
Ein Diplomat
oder noch
schlimmer
ein Rentner
oder
ein Arbeitsloser.

Ich bin: „Harlekin“ der „Gastarbeiter“.

Fruttuoso Piccolo

Wer genau ist der Urheber dieses Gedichtes? Fruttuoso Piccolo kam 1953 im italienischen Stranghella zur Welt. Sein Vater arbeitete in Rovigo als Ausbilder im Metallbereich, seine Mutter hatte die Elementarschule bis zur 2. Klasse besucht und war Hausfrau. Als einziges der insgesamt fünf Geschwister erhielt der „Benjamin“ der Familie keine Berufsausbildung. Nach dem Besuch der Elementar- und der Mittelschule besuchte er noch zwei Klassenstufen der „Ragioneria“, ohne diese jedoch abzuschließen. Mit 19 Jahren war er arbeitslos.

Durch den älteren Bruder Paolino kam Fruttuoso Piccolo 1972 nach Hannover, wo er bis 1979 als Hilfsarbeiter tätig war. Zwischendurch (1973/74) musste er zur Ableistung seines Wehrdienstes gezwungenermaßen nach Italien zurückkehren. 1979 kündigte er in Hannover seinen Job als Bote, weil er für sich nach einer anderen Perspektive suchte. Nachdem er 1980 einen schweren Unfall erlitt, sollte sich sein Leben grundlegend ändern.

Fruttuoso Piccolo begann Gedichte zu schreiben und entdeckte darin eine neue Lebensaufgabe. Die Technik des Dichtens und Schreibens erarbeitete er sich als Autodiktat. In der visuellen Poesie fand er eine besondere Form sich auszudrücken. Seine Dichtung ermöglichte es ihm, sich seiner Lage und Identität als Arbeitsmigrant auf besondere Weise bewusst zu werden. Aus Fruttuoso Piccolo alias „Mao“ wurde so etwas wie ein ‚Gastarbeiterdichter‘.

„Mao“ gehört zu den interessantesten Dichtern der in Deutschland lebenden italienischen Minderheit. Anders als viele andere Arbeitsmigranten versuchte er, sich in der fremden Umgebung des Einwanderungslandes politisch zu engagieren und suchte Kontakt zu Gleichgesinnten, mit denen er sich austauschen und seine Denkweise und Gefühle teilen konnte. So entstand die „Iniziativa Lavoratori Italiani“, die er gemeinsam mit anderen italienischen Landsleuten in Hannover gründete. 1982 trat „Mao“ dem Polynationalen Literatur- und Kunstverein e.V. („PoLiKunst“) bei und gehörte der Vereinigung bis 1986 an. Danach wurde er Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller sowie der IG Medien in der Fachgruppe „Literatur und Bildende Kunst“ (1986–2000). 1992 wurde er Mitglied des Bundes Bildender Künstler.

„Maos“ Gedichte wurden in verschiedenen Zeitschriften und in mehreren Anthologien veröffentlicht. Er erhielt mehrere Preise. 1984 wurde er vom Italienischen Fürsorgekomitee COASIT in Dortmund mit dem Lyrikpreis „Germania“ für den besten Gedichtband in italienisch-deutscher Sprache ausgezeichnet. 1988 erhielt er den Hauptpreis bei dem gemeinsam vom Initiativausschuss der ausländischen MitbürgerInnen in Niedersachsen und der Ausländerbeauftragen des Landes Niedersachsen veranstalteten multinationalen und interkulturellen Kunstwettbewerb.

In seinen Gedichten lässt sich „Mao“s Denkweise teilweise direkt, teilweise zwischen den Zeilen herauslesen. Die Gedichte sollen bewusst provozieren, vor allem durch ihre scheinbare Einfachheit. „Mao“ versteht seine Poesie als Kampfform. So klagt er die Diskriminierung ausländischer ArbeitnehmerInnen an und stellt sich offen gegen Ausländerfeindlichkeit. Seine Intention beschreibt der Künstler so: „Das Ziel meiner Kunst ist die Erforschung eines ‚sinn-ästhetischen Kodex‘ als Performance sowie als experimentelle Mitteilung. Es sollen alle fünf Sinne einbezogen werden mit der Beseitigung aller nationalen und kulturellen Grenzen, die Mann/Frau als Menschen in ihrer Intimität sowie in ihren Beziehungen mit anderen trennen. Eine Untersuchung von einer universellen Poesie, die über Religionen, Rassen, Sprachen und Nationalitäten hinausgeht. Eine anarchistische Poesie.“

Ospitalitá „Made in West Germany“
1950 dopo Cristo

BENVENUTI

Ospitalitá „Made in West Germany“
1970 dopo Cristo

L’osso buco
Rimane
al cane

Al tettore
tre righe
da leggere

All’ospite
il piatto
da lavare

Ospitalitá „Made in West Germany“
1981 dopo Cristo

SILENZIO

„PROIBITO“

Ospitalitá „Made in West Germany“
1990 dopo Cristo

„AUSLÄNDER RAUS“

[‚S‘ in „Ausländer raus“ im Original als S-Rune]

Gastfreundschaft „Made in West Germany“
1950 n. Ch.

WILLKOMMEN

Gastfreundschaft „Made in West Germany“
1970 n. Ch.

Den Markknochen
bekommt
Der Hund

An den Leser
Drei Zeilen
zum Lesen

An den Gast
den Teller
Zum Waschen

Gastfreundschaft „Made in West Germany“
1981 n. Ch.

SCHWEIGE

„VERBOTEN“

Gastfreundschaft „Made in West Germany“
1990 n. Ch.

„AUSLÄNDER RAUS“

Fruttuoso Piccolo

(Cheryn Nabo)


Steckbrief

Titel: Arlecchino ‚Gastarbeiter‘. Gedichte und Collagen
KünstlerIn/HerstellerIn: Fruttuoso Piccolo
Material/Technik: Buchdruck
Herstellungsort: Hannover, Postskriptum Verlags GmbH
Datierung: 1985
Maße: 20,9 x 13,5, x 1 cm
Bemerkungen: zweisprachig (deutsch-italienisch), 155 Seiten, ISBN 3-922382-28-2; 1984 ausgezeichnet mit dem Lyrikpreis „Germania“ des Kulturausschusses COASIT des italienischen Konsulats in Dortmund
Aufbewahrungsort: Osnabrück, Kulturgeschichtliches Museum, A 5659 a

Wegen Umbau geöffnet

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