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25. „Ich bin angekommen und ich bin geblieben“

Damenkleid aus Polyester, "Trevira 2000", 1970er Jahre

Refika Razumovic stammt aus Cazin, einer Kleinstadt im Nordwesten Bosniens. Hier verbringt sie eine schöne Kindheit und Jugend. Sie wächst in einer großen Familie auf, und in der kleinen Stadt geht es auch sonst sehr familiär zu: Jeder kennt jeden. Dass Refika Razumovic heute auf eine unbeschwerte Kindheit zurückblickt, hat nicht etwa mit Wohlstand zu tun, sondern mit der selbstverständlichen Freundlichkeit, mit der sie aufgewachsen, mit dem Selbstvertrauen, das ihr vermittelt worden ist. Seit vierzig Jahren lebt Refika Razumovic nun bereits in Osnabrück. Wenn sie heute zurück in die kleine bosnische Stadt fährt, um die Verwandten zu besuchen, kennt sie kaum noch jemanden. Dennoch bezeichnet sie Cazin als ihre Heimat. Dort wurde sie geboren, dort machte sie ihre ersten Schritte und dort besuchte sie die Schule. „Es bleibt“, so sagt sie im Interview, „glaube ich, bei jedem Menschen im Herzen, wo du geboren bist, selbst wenn du auswandert.“

Nach dem Abschluss ihres Abiturs 1972 in Cazin beschließt Refika Razumovic, nach Deutschland zu reisen. Sie hat weder bestimmte Erwartungen an das Leben hier, noch verknüpft sie mit ihrem Schritt bestimmte Hoffnungen. Sie hat allerdings die Vorstellung, dass es für sie leichter ist, in Deutschland Arbeit zu finden. Nach den Weihnachtsfeiertagen des Jahres 1972 fährt sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Schwager, die beide in Hamburg leben, mit dem Auto in Richtung Deutschland. Auf ihrem Weg in ein fremdes Land begleitet sie in ihrem Koffer ein hoch geschlossenes, ärmelloses, weißes Kleid, das sie bereits während ihrer Schulzeit in Bosnien getragen hat. Heute gehört es zu den Lieblingskleidern ihrer Tochter. Von Hamburg aus reist Refika Razumovic mit dem Zug weiter nach Osnabrück. Hier wird sie von ihrem Vater in Empfang genommen, der bislang in Frankreich gelebt hat und nun für zwei Jahre als Krankenpfleger im Stadtkrankenhaus Osnabrück arbeitet. Über diese Ankunft in Osnabrück sagt Refika Razumovic heute: „Ich bin angekommen und ich bin geblieben“. Während es ihren Vater bald wieder zurück nach Frankreich zieht, entscheidet sie sich, in Osnabrück zu bleiben.

Einige Dinge sind ihr zunächst fremd. So erzählt sie heute eine lustige Geschichte, die sie kurz nach ihrer Einreise in einem Café in Osnabrück erlebte. Als sie dort auf jemanden wartete, beobachtete sie, wie ein Mann Geld in einen Automaten warf, der an der Wand hing. Ohne zu wissen, um was für einen Automaten es sich handelt, steckte sie ebenfalls Geld hinein und war verblüfft, was dann passierte. Der Automat habe „gedreht und gedreht und da fiel immer Geld unten rein.“ Ohne zu ahnen, dass sie gerade an einem Glücksspielautomaten das ‚große Los‘ gezogen hatte, ging sie einfach weg. „Entweder, ich habe hundert Spiele gewonnen, oder was weiß der liebe Himmel ... ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass der Automat immer gedreht hat und ich bin einfach weggegangen.“ Eine andere Erfahrung, die sie mit der Zeit nach ihrer Einreise verbindet, ist die, dass sie manchmal Verständnisschwierigkeiten hatte, über die sie sich so ärgerte, dass ihr vor Wut über sich selbst das Blut in den Kopf schoss. Schließlich hatte sie die deutsche Sprache in Bosnien gelernt, und jetzt sollte es an kleinen Wörtern scheitern?! Doch das änderte sich. Nach kurzer Zeit beherrschte sie auch diese Wörter.

Um Geld zu verdienen arbeitet Refika Razumovic zunächst in der Osnabrücker Schirmfabrik Zangenberg und lernt in dieser Zeit ihren späteren Ehemann kennen. Die Arbeit in der Schirmfabrik empfindet sie als schrecklich: Die Maschinen sind laut und die Arbeit wird im Akkord verrichtet. Zu ihren Kollegen hat sie wenig Kontakt. Jeder arbeitet für sich und die Pausen sind zu kurz, um sich kennenzulernen. Als sie die Aussicht auf eine Stelle als Krankenschwester im Kinderhospital erhält, erwartet sie bereits selbst ein Kind und nimmt die Stelle nicht an. Nach der Geburt bleibt sie die ersten Jahre zu Hause, um sich um die junge Familie zu kümmern. 1978 beginnt sie dann, bei der Stadt Osnabrück zu arbeiten: in der Überörtlichen Trainingsstätte an der Iburger Straße, im Nettebad und im Haus am Bürgerpark. 1982 wird sie schließlich im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück eingestellt.

In Osnabrück fühlte sich Refika Razumovic irgendwie von Beginn an wohl. Ihre Kinder fragen sie heute, warum sie in Osnabrück bleibt – einer Stadt, in der es doch so viel regnet. Nach Bosnien würde sie nicht zurückgehen, auch wenn sie mit dem Land und ihrer Familie eng verbunden ist. Das Land, das sie damals verlassen hat, ist heute nicht mehr dasselbe; nicht zuletzt durch die Kriegshandlungen im Balkankonflikt der 1990er Jahre, die das ehemalige Jugoslawien grundlegend verändert haben. Dennoch besucht sie dort nach wie vor ihre Schwester, ihren Bruder sowie ihre Cousins und Cousinen.

Über die Frage, ob sie sich „deutsch“ oder „bosnisch“ fühlt, macht sie sich keine Gedanken: „Ich denke mir, im Endeffekt ist egal, was du bist. Es ist wichtig, wie du dich fühlst“. Würde Refika Razumovic noch einmal vor der Entscheidung stehen, nach Deutschland auszuwandern, würde sie sich wieder dafür entscheiden, auch wenn sie vielleicht das eine oder andere heute anders machen würde. Über Osnabrück sagt sie: „Ich habe mich überraschen lassen, habe eben gucken wollen, was es ist oder wie es ist, oder ob man was machen könnte. Und, na ja, so bin ich hier dann ja auch geblieben.“ Dennoch bleibt eine enge Verbundenheit zu ihrem Herkunftsland Bosnien. Es ist, so Refika Razumovic, das Gefühl: „Aha, da bin ich geboren, da bin ich groß geworden – das bleibt, glaube ich, ein ganzes Leben lang in einem.“

(Marie Toepper)


Steckbrief

Titel: Damenkleid
KünstlerIn/HerstellerIn: „Trevira 2000“
Material/Technik: Polyester
Herstellungsort: Bundesrepublik Deutschland (?)
Datierung: 1970er Jahre
Maße: 76 x 53 cm
Aufbewahrungsort: Im Besitz der Tochter von Refika Razumovic

Wegen Umbau geöffnet

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