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23. „Mit diesem Diplom verbindet mich ganz viel!“

Larissa Paustians Hochschuldiplom als Grundschullehrerin, Kasachstan 1988

Als Larissa Paustian 1988 nach insgesamt neun Jahren pädagogischer Ausbildung in Kasachstan endlich ihr Hochschulschuldiplom als Grundschullehrerin in Händen hielt, war sie sehr stolz. „Ich habe ganz viel Kraft investieren müssen, um dieses Diplom zu bekommen“, erinnert sich die seit 1994 in Osnabrück lebende ehemalige Bürgerin der Sowjetunion. Nachdem sie 1978 die vierjährige Fachschule als Grundschullehrerin abgeschlossen und bereits einige Zeit in einem Dorf in Kasachstan als Lehrerin gearbeitet hatte, entschied sie sich 1983, durch ein Fernstudium ihren Hochschulabschluss nachzuholen, um auch als Leiterin einer Grundschule arbeiten zu können

Während dieser Zeit war sie bereits verheiratet, hatte zwei Kinder, arbeitete parallel zum Studium weiterhin als Lehrerin und musste jeden Tag aufs Neue das mühsame Leben im Dorf bewältigen. In ihrem Haus gab es kein fließendes Wasser, wodurch das Waschen der Stoffwindeln zu einer täglichen, aufwändigen Prozedur wurde. Zudem musste sie immer wieder den anstrengenden Weg in die Stadt auf sich nehmen, um an Seminaren für das Hochschulstudium teilnehmen zu können. Nach dem zweiten Studienjahr zog Familie Paustian schließlich in die Stadt, wodurch der Alltag für Larissa etwas leichter wurde.

Bevor sie 1994 mit ihrem Mann, einem Russlanddeutschen, und ihren Kindern zunächst nach Belm und dann nach Osnabrück zog, hatte Larissa in Kasachstan insgesamt 16 Jahre an der Schule gearbeitet. Dennoch wurde ihr mühsam erarbeitetes Hochschuldiplom von den deutschen Behörden nicht anerkannt. Schwermütig stellt Larissa fest: „Mit diesem Diplom verbindet mich persönlich ganz viel: die Arbeit, Mutter sein, das Leben im Dorf, das Leben in der Stadt und das Studium. Aber hier in Deutschland zählt es überhaupt nichts. Es ist nur ein Stück Erinnerung.“

Wie Larissa Paustian geht es vielen in Deutschland lebenden MigrantInnen. Knapp 29 % der Arbeitslosengeld II-Bezieher mit Migrationshintergrund haben im Ausland einen Berufsabschluss erworben, der in Deutschland nicht anerkannt wird. Besonders betroffen ist die Gruppe der Aussiedler und Personen aus Mittel- und Osteuropa, einschließlich der GUS-Staaten. Von diesen haben sogar rund 45 % einen im Ausland erworbenen, in Deutschland jedoch nicht anerkannten beruflichen Abschluss.

Larissa Paustian ließ sich dennoch nicht unterkriegen. Nachdem sie einige Zeit in einem Kinderheim als Hauswirtschafterin gearbeitet hatte, beschloss sie 2001, ein Studium als Diplom-Ökotrophologin zu beginnen. Als ihr 2006, mit 47 Jahren, das Fachhochschulzeugnis überreicht wurde, war sie jedoch ganz überrascht: „Als ich lediglich ein DIN A4-Papier als Zeugnis erhielt, sagte ich: ‚Ich kann dieses Papier mit jedem anderen unwichtigen Papier verwechseln und wegschmeißen. Bei uns in Kasachstan hatten alle Abschlusszeugnisse einen dicken Umschlag.‘ Es ist doch wichtig, dass ein Zeugnis wie ein richtiges Dokument aussieht.“

Auch als Ernährungsberaterin konnte Larissa Paustian nicht arbeiten, da ihr für ein eigenes Büro das nötige Eigenkapital fehlte und der Einstieg in ein neues Berufsfeld mit Ende 40 schwierig war. Zudem hing ihr Herz nach wie vor an der Arbeit mit Kindern. Oft wurde sie gefragt, warum sie überhaupt noch einmal studiert hat und was ihr das Studium in Deutschland gebracht habe. „Ich hab es für MICH gemacht“, erwidert sie auf diese Fragen. „Ich fühle mich jetzt viel wohler in Deutschland und habe ganz viele Sachen gelernt, die ich in meinem Alltagsleben und in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Integrationslotsin nutzen kann.“

Am 1. April 2012 trat das „Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen" in Kraft. Das Gesetz soll die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen erleichtern und dafür nachvollziehbare und bundesweit möglichst einheitliche Bewertungsverfahren bereitstellen. Für Larissa Paustian kommt diese Gesetzesänderung jedoch zu spät. Allmählich verliert sie die Hoffnung, jemals in Deutschland als Lehrerin arbeiten zu können. Aus ihrem Traum ist ein Albtraum geworden. Seit einiger Zeit träumt sie nachts immer wieder, dass sie in einer deutschen Schule arbeitet. Doch anstatt zu unterrichten, putzt sie dort. Dann hört sie plötzlich, dass eine Stelle für eine Lehrerin frei geworden ist. Diesen Traum nimmt sie mit in ihren Alltag; teils frustriert, teils in der leisen Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch einmal an einer deutschen Schule als Lehrerin angestellt wird.

Derzeit ist sie als Familienbegleiterin sowie als Tagesmutter tätig und steht eingewanderten Familien als Integrationslotsin mit Rat und Tat zur Seite. Obwohl sie nur wenig verdient und viele Aufgaben ehrenamtlich erledigt, ist sie zufrieden: „Für mich ist es wichtig, dass ich das mache, was ich gerne mache. Und das ist für mich bedeutsamer als irgendwelches Geld. Das ist ganz wichtig für das eigene Wohlgefühl.“

(Andrea Ulrich)


Steckbrief

Titel: Hochschuldiplom als Grundschullehrerin
Material/Technik: Karton (Umschlag), Papier, Stempel, Tinte / Vordruck, handschriftlich ausgefüllt
Herstellungsort: Kasachstan
Datierung: 1988
Maße: ca. 17 x 12 cm (aufklappbar)
Bemerkungen: zweisprachig (russisch und kasachisch)
Aufbewahrungsort: Larissa Paustian

Wegen Umbau geöffnet

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