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22. „Mit der Zeit muss man versuchen, sich zu organisieren …“

Delegierten-Ausweis der Industriegewerkschaft Metall für António Custóias, Verwaltungsstelle Osnabrück, 1990-1992

Mit der Zeit muss man versuchen, sich zu organisieren ...“ ...sagt António Custóias rückblickend, als er über die anfänglichen Schwierigkeiten in Deutschland nachdenkt. Wie etliche andere zu jener Zeit, kam er als Gastarbeiter von Portugal nach Deutschland. Der 25. September 1970 sollte sein Leben nachhaltig prägen. Es war sein erster Arbeitstag bei der Firma Karmann in Osnabrück. Ein paar Jahre lang Geld verdienen, und dann zurückkehren nach Portugal – das war der anfängliche Plan. Doch aus dem kurzfristigen Aufenthalt wurde eine dauerhafte Niederlassung. Die Kinder und Enkelkinder wuchsen in Deutschland auf. Heute, fast 42 Jahre später, ist Osnabrück längst zur neuen Heimat geworden.

Wie fing alles an? Jeder, der bereits eine längere Zeit im Ausland verbracht hat, kann sich vorstellen, dass die Anfangszeit nicht leicht gewesen sein kann. António Custóias erinnert sich noch genau. Anfänglich war die Sprache das Hauptproblem. Einkaufen, Arztbesuche, Kontakt zu den Arbeitskollegen, all das war mit dem Sprachproblem „für uns plötzlich, von heute auf morgen, nicht mehr normal.“ Die Kommunikation fand zunächst ‚mit Händen und Füßen‘ statt. Karmann organisierte zwar kostenlose Sprachkurse für die ausländischen Arbeitnehmer. Sie fanden aber zunächst kaum Zulauf. Die Menschen kamen schließlich zum Arbeiten, nicht um die deutsche Sprache zu lernen. „Das war das Ziel: die schöne deutsche Mark.“ Denn nach ein paar Jahren sollte es zurückgehen Richtung Portugal. Und so waren die ersten Jahre durch hartes Arbeiten und eisernes Sparen geprägt.

Die Arbeit bestimmte das Leben der damals etwa 2.000 Portugiesen in Osnabrück. Der Stundenlohn war niedrig, die Arbeitszeiten waren lang. Da die portugiesischen Arbeitskräfte meist ungelernt waren, konnten sie nur die einfachsten Arbeiten verrichten; als „die Schmutzarbeitsplätze und die billigsten“, bezeichnet sie António Custóias heute. „Wir waren einfache Arbeitskräfte vom Lande. Mein erster Stundenlohn war vier Mark und 19 Pfennig – pro Stunde!“

Die Sparsamkeit der portugiesischen Arbeiter ging anfangs soweit, dass sie noch im tiefsten Winter bei kniehohem Schnee lieber zu Fuß gingen als den Bus zu nehmen, denn der kostete Geld. Selbst auf den günstigeren Transfer, den die spanischen Arbeitskollegen für 50 Pfennig anboten, um damit einen kleinen Nebenverdienst zu erzielen, verzichteten die Portugiesen meist. António Custóias erinnert sich noch gut an die damaligen Diskussionen: „‚50 Pfennig? Du bist bekloppt! Das sind fünf Escudos in Portugal. Geht doch gar nicht. Wir gehen zu Fuß.‘ Und als wir dann bei Karmann ankamen, waren wir fast am Erfrieren. Das war sehr schwer.“

Und Luxus blieb unter ihnen auch mit längerer Verweildauer verpönt. „Damals hatten wir die billigsten Sachen, die es gab. Mein WC war im Treppenhaus. Es gab eine Familie in der Parkstraße, die in der zweiten Etage wohnte, und WC und Dusche waren im Keller. Wir hatten nicht nur die billigsten Arbeitsplätze, sondern auch die billigsten Wohnungen. Aber warum? Das Ziel war sparen, sparen, sparen.“ Alle Ersparnisse wurden in die alte Heimat investiert, denn der neue Wohlstand sollte in Portugal gezeigt werden. Auch der portugiesische Staat förderte die Transferzahlungen der Gastarbeiter mit hohen Verzinsungen. „Die waren pleite mit der Unabhängigkeit der Kolonien“, interpretiert das António Custóias im Rückblick.

Er spielt an auf die Zeit der Diktatur (1932–1968) unter Antonio de Oliveira Salazar (1889–1970). Die autoritäre Kolonialmacht wehrte sich nach dem Zweiten Weltkrieg militärisch gegen die Autonomiebestrebungen seiner Kolonien Mosambik, Angola, Guinea und Portugiesisch-Indien. „Mit unseren Kriegen in den Kolonien“, sagt António Custóias kritisch, „haben wir Portugal fast kaputt gekriegt.“ Seine Kolonien entließ das Land erst nach seiner weitgehend unblutigen verlaufenen Revolution zwischen 1974 bis 1976 in die Unabhängigkeit. Neben den wirtschaftlichen Folgen der teuren Kriegshandlungen gab es auf beiden Seiten viele Tote zu beklagen; mehr als 10.000 Portugiesen sind gestorben, viele kamen als Invalide aus den Kriegen zurück. „In Kriegen gibt es keine Küsse“, bilanziert António Custóias nüchtern.

Die wirtschaftlichen Probleme, die mit der Entkolonisierung zusammenhingen, waren auch ein Argument für die Arbeitssuche vieler Portugiesen in der Bundesrepublik. Die, die gingen, konnten im Ausland Arbeit finden; und für die Gebliebenen reduzierte sich zugleich der Konkurrenzdruck auf dem portugiesischen Arbeits- und Wohnungsmarkt.

Im Alltag in Osnabrück empfand es António Custóias als unwürdig, dass seine portugiesischen Dokumente nichts wert waren: „Unser Personalausweis war nicht gut in Deutschland. Er war zwar gültig, aber überall, wo wir Probleme hatten, zählte nur unser Karmann-Ausweis. Der Karmann-Ausweis war besser als unser portugiesischer Personalausweis. Der war auf Portugiesisch, und der von Karmann auf deutsch.“

Zudem sieht António Custóias das Verhalten der deutschen Betriebe heute kritisch. Ihnen sei es ganz recht gewesen, wenn ihre ausländischen Arbeitnehmer nicht zu viel Deutsch lernten oder sich fachlich zu sehr qualifizierten. So erklärt er sich auch, weshalb den Italienern die Spanier folgten und diesen die Portugiesen: „Das war so ein Trick von den Unternehmern. Nachdem die Italiener etwas gelernt hatten, haben die gesagt: ‚Oh, die können schon viel reden, die merken schon zu viel.‘ Dann holten sie Spanier. Und eine Zeit später, als die Italiener und Spanier schon weiter waren, da haben die gesagt: ‚Oh, oh! Stop, Stop! Jetzt müssen die dummen Portugiesen kommen‘“. So seien Forderungen nach Betriebsrente oder mehr Urlaubstagen verhindert worden.

Wie sah das Privatleben aus? Die Wohnheime, in denen die Mehrzahl der Gastarbeiter in der Frühphase untergebracht wurde, boten nach Feierabend die einzigen Rückzugsräume. Es fehlte an Möglichkeiten, die wenige freie Zeit nach eigenen Vorstellungen verbringen zu können. Auch die Begegnung auf den Straßen behagte den Portugiesen nicht: „Dann haben wir gesagt: ‚Jetzt reicht’s! Was sollen wir machen? Wir treffen uns nur auf den großen Straßen. An der Ecke hier, an der Ecke dort. Wir sehen aus wie Verbrecher.“ Stattdessen sehnten sie sich nach einem vertrauten Ort, einem Stück ‚portugiesischer Heimat‘ in Deutschland. Eigeninitiative war gefragt, und so etwas lässt sich António Custóias nicht zweimal sagen. Wenn es darum geht, sich zu organisieren, ist er in seinem Element. Und so wurde 1972 unter seiner Mithilfe das erste portugiesische Kulturzentrum in Osnabrück gegründet: das „Centro Português de Osnabrück“. Ein erster Schritt war getan, um in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

Auch in der Arbeitswelt setzte er sich zum Ziel, an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen mitzuarbeiten. Um die Rechte insbesondere der ausländischen Arbeitnehmer vertreten zu können, trat António Custóias der IG Metall bei und ließ sich in den Betriebsrat von Karmann wählen. Dort war er viele Jahre lang aktiv. Sein politisches Engagement zeigte er zudem durch seinen Beitritt zur SPD. 1995 wurde er sogar in den Osnabrücker Stadtrat gewählt. Nebenbei kämpfte er wie viele andere Osnabrücker Portugiesen für die Aufrechterhaltung des hiesigen portugiesischen Vizekonsulats. Und auch bei der Entwicklung der Städtepartnerschaft zwischen Osnabrück und der nordportugiesischen Stadt Vila Real sowie bei der Benennung des „Vila-Real-Platzes“ am Schölerberg engagierte sich António Custóias aktiv.

Mittlerweile ist er Rentner und könnte das hart erarbeitete Haus in der Nähe von Lissabon durch die gewonnene freie Zeit ausgiebig genießen. Circa fünf Monate pro Jahr verbringt er dort. Das Haus ist komfortabler als das in Osnabrück. „Luxus. Super Luxus. Ich war der Ärmste aus meinem Dorf, und jetzt bin ich sozusagen der Reichste.“ Dennoch bereut er es mitunter, ausschließlich in Portugal investiert zu haben, denn der Lebensmittelpunkt seiner Familie befindet sich nun in Deutschland. „Wofür habe ich diese schöne Villa da? Für nichts!“ Er hat sogar schon einmal überlegt, das Haus in Portugal zu verkaufen.

Es sei für Migranten, die zu jener Zeit nach Deutschland kamen, typisch gewesen, den Lebensstandard in Deutschland auf ein Minimum zu reduzieren, um in der alten Heimat ein Haus zu kaufen. In der Zwischenzeit jedoch wuchsen die Kinder und Enkelkinder in Deutschland auf und kennen die Heimat der Eltern bzw. der Großeltern größtenteils nur noch aus dem Urlaub. Diese Umkehrung des Lebensmittelpunktes sei zu spät in den Köpfen der Menschen angekommen. Es wird oft vergessen, dass die erste Generation der ehemaligen Gastarbeiter einen Großteil ihres Lebens in Deutschland verbracht hat und sich so stückweise vom Heimatland entfremdet hat. Die Bindungen haben sich über die Jahre hinweg immer mehr nach Deutschland verlagert, denn, so António Custóias: „Das, was mir da unten fehlt, habe ich nun hier. Meine Substanz kommt aus Deutschland.“ Was bedeutet für ihn dann „Heimat“? Für Antóntio Custóias ist das eine klare Sache: „Da habe ich einen Satz“, sagt er: „Heimat bedeutet, wo man gut leben kann. Da wo wir einen Lebensstandard haben, das soll unsere Heimat sein.“

Die aktuelle Krise in Portugal führt dazu, dass wieder vermehrt portugiesische Immigranten nach Deutschland kommen; jetzt allerdings als EU-Bürger. Das große wirtschaftliche Gefälle zwischen Deutschland und Portugal beeinflusst bis heute das Verhältnis der Portugiesen zu ihren Landsleuten in Deutschland. Von den Verwandten und Bekannten in Portugal wurden und werden sie als die „Reichen“ betrachtet, ohne dass sie ihre jeweiligen Verhältnisse genau kennen würden. Entsprechend äußern sie eigene Ansprüche: „Die denken, wir sind die Könige“, beschreibt António Custóias das Phänomen. „Die gucken dann: ‚Bringst du nichts mit? Hast du nichts? Krieg’ ich nichts von dir?‘ Die denken, dass du hier das Doppelte an Rente kriegst. Aber sie denken nicht daran, dass wir hier auch das Doppelte brauchen.“ Zu unterschiedlich sind bis heute die Lebenshaltungskosten geblieben – trotz EU und gemeinsamer Währung.

(Julia Stief)


Steckbrief

Titel: Delegiertenausweis Nr. 12 für den Karmann-Arbeiter António Custóias
KünstlerIn/HerstellerIn: Industriegewerkschaft Metall
Material/Technik: Karton
Herstellungsort: Verwaltungsstelle Osnabrück
Datierung: 1990-1992
Maße: Ca. 8 x 10 cm
Aufbewahrungsort: Antonio Custoias, Osnabrück

Wegen Umbau geöffnet

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