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21. Der Pizzapoet aus Osnabrück

Pizzateller aus Keramik von Biltons, England 1980er Jahre

Ich mache mit Abstand in Osnabrück die beste Pizza“, erzählt Sergio Grani stolz. Seit 1985 – 33 Jahre, nachdem der Italiener Nicolino di Camillo in Würzburg die erste Pizzeria („Sabbie di Capri“) in Deutschland eröffnete – können Sergios Gäste diese Aussage in der Cafeteria und Trattoria am Markt selbst beurteilen, indem sie vor Ort den italienischen Gaumenschmaus testen. Der Pizzateller, auf dem in all den Jahren seine ungezählte Pizzen serviert worden sind, gehörte mitsamt Besteck zum ursprünglichen Inventar der Cafeteria. Seit 2004 wird sie von Sergios Sohn geführt. Die beste Pizza im Herzen der Altstadt anzubieten, bleibt also weiterhin ein Anliegen der Granis.

In den vielen Jahren, in denen Sergio seine Cafeteria bewirtschaftete, entwickelte er zu ihr eine sehr enge Beziehung. „Sie ist meine Oase“, sagt er. „Die Cafeteria war ich und ich war die Cafeteria.“ Sie ist für ihn zugleich eine wichtige Verbindung nach Italien. Dass er einmal der Betreiber einer italienischen Gaststätte in Osnabrück sein würde, hatte er sich nicht vorstellen können, als er mit 25 Jahren seine Heimat im Norden Lazios verließ. Die Symbiose mit seiner Cafeteria ist das Ergebnis eines ereignisreichen und wechselvollen Lebensweges.

Sergio wurde 1946 in dem italienischen Dorf Montalto di Castro geboren. Schon mit 13 Jahren musste er als Tagelöhner in der Landwirtschaft arbeiten. Später, nach einer Ausbildung zum Bademeister, arbeitete er während der Urlaubssaison am Strand und jobbte nebenher noch an unterschiedlichen Stellen. Dabei verdiente er nicht schlecht, erlebte viel und war zufrieden. Als ihn einige Osnabrücker Familien, die ihren Sommerurlaub regelmäßig in Italien verbrachten, nach Norddeutschland einluden, lockten ihn Neugierde und Abenteuerlust. Eigentlich wollte Sergio ursprünglich gar nicht in Deutschland bleiben, sondern nur Urlaub machen, es sich gut gehen lassen. Doch als er am 28. Oktober 1971 am Bahnhof in Osnabrück ankam, sollte dies sein Leben verändern. Der Moment der Ankunft hat sich fest in Sergios Gedächtnis eingebrannt. Er erinnert sich noch heute exakt an die Uhrzeit: 20.23 Uhr; der Zug hatte zwei Minuten Verspätung. Die Spannung war offensichtlich so groß, dass jede Minute zählte, jede Sekunde kostbar war. Noch während seines Urlaubsaufenthaltes erhielt er bei einer Osnabrücker Baufirma ein Jobangebot. Er nahm es an, weil ihm Osnabrück irgendwie gefiel. Der Ort faszinierte ihn.

Sergio entschied sich, in Osnabrück zu bleiben. Aber zunächst bereiteten ihm seine fehlenden Sprachkenntnisse Schwierigkeiten. So begann er, an der Volkshochschule intensiv Deutsch zu lernen. 1973 absolvierte er auf Anraten eines Arbeitskollegen eine Umschulung zum Maurer. Anschließend besuchte er die Fachoberschule mit der Fachrichtung Ingenieurwesen/Technik und studierte zwei Jahre an der Fachhochschule Minden-Bielefeld. Den Studiensemestern folgte 1980–1983 eine weitere Berufsausbildung zum Techniker. Trotz seiner umfassenden Ausbildung konnte Sergio keine feste Anstellung finden. Das war in erster Linie dem „Inländerprimat“ geschuldet. Bei einer Einstellung wurde ein deutscher Arbeitnehmer einem Ausländer vorgezogen, wenn er gleich qualifiziert war. Obwohl sich Sergio ungerecht behandelt fühlte, ließ er sich nicht einschüchtern. Stattdessen begann er in einem Bereich zu jobben, der ihm schon immer Freude bereitet hatte: in der Gastronomie. Als „Pizzapoet“, wie ihn seine Freunde nannten, versorgte und begeisterte er fortan hungrige Menschen in Osnabrück. Als ihm schließlich 1985 die Cafeteria am Markt zur Übernahme angeboten wurde, war der Übergang in die Selbstständigkeit nur konsequent. Sie ermöglichte es ihm, unabhängig von seiner Nationalität oder wirtschaftlichen Umständen sein Leben und das seiner Familie zu sichern. Gleichzeitig bot sie ihm den Raum, sich frei und unabhängig zu entwickeln und zu demjenigen zu werden, der er heute ist.

Nach über 40 Jahre in Osnabrück bekennt Sergio: „Also ich liebe Osnabrück mit Leib und Seele. Ich bin Osnabrücker!“ Auf die Frage, ob er sich gut integriert fühle, antwortet er: „Ich gehe noch einen Schritt weiter: Ich fühle mich dazugehörig – ich gehöre dazu. Ich bin ein Teil von dieser gut funktionierenden Gesellschaft.“ Diese spielt eine entscheidende Rolle in Sergios Leben. Und seine Bekanntheit – wie die seiner berühmten Pizza – verschafft ihm andersherum, so ist er sich sicher, einen gewissen Einfluss auf das Leben in Osnabrück. Ihm ist die Stadt so sehr ans Herz gewachsen, dass er sich nicht mehr vorstellen kann, noch einmal dauerhaft in Italien zu leben. Es sind hauptsächlich seine Jugenderinnerungen, die ihn noch an Italien binden. Wenn man wie er eine so lange Zeit in einem anderen Land gelebt hat, dann stammen die Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit, selbst wenn sie einem noch so lebendig vorkommen. Eine Rückkehr nach Italien wäre in Sergios Augen daher unumgänglich mit Enttäuschungen verbunden.

Dennoch bleibt sich Sergio trotz aller Lokalliebe zu Osnabrück seiner italienischen Herkunft bewusst, ohne dabei die Unterschiede zwischen verschiedenen Nationalitäten vor ihre Gemeinsamkeiten zu stellen: „Es bleibt immer etwas, was mich ausmacht als das, was ich bin“, sagt er. „Ich bin in Italien geboren und dieses Stück aus Italien, das kann Deutschland nicht verdrängen.“ Sergio möchte aber nicht auf seine Nationalität oder Herkunft reduziert werden, denn diese ist ihm letztendlich egal. Diese Bereitschaft, Unterschiede zu akzeptieren, hat er in seinen Augen in den Osnabrückern gefunden. Nein, als Deutscher möchte er sich nicht bezeichnen, lieber als „ein Osnabrücker, der zufällig in Italien geboren ist.“

(Nanett Gutwasser)


Steckbrief

Titel: Pizzateller
KünstlerIn/HerstellerIn: Biltons
Material/Technik: Keramik
Herstellungsort: England
Datierung: 1980er Jahre
Maße: 28,8 cm Ø
Aufbewahrungsort: Sergio Grani, Osnabrück

Wegen Umbau geöffnet

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