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18. „Meine Mutter war die erste portugiesische Frau hier in Osnabrück.“

Portugiesischer Verein Vasco da Gama e. V. in Osnabrück, 2012

Die Räumlichkeiten des portugiesischen Vereins „Vasco da Gama e.V.“ in Osnabrück erzählen die Geschichten von Menschen, die einst von Portugal nach Osnabrück kamen und sich hier ein kleines Stück Heimat bewahren. Kulturelle, künstlerische, gesellige und sportliche Veranstaltungen halten die Verbindung zu ihrem Heimatland aufrecht und fördern den Zusammenhalt der portugiesischen Gemeinde. Die Mitglieder haben sich die Bewahrung ihres kulturellen Erbes zur Aufgabe gemacht. Als Raum der Begegnung bietet der Verein Vasco da Gama nicht nur die Möglichkeit Traditionen aufrecht zu erhalten, sondern er ist auch ein zentraler Ort der Erinnerung. Er führt uns die Lebensgeschichten seiner Mitglieder vor Augen. Beispielhaft ist die Geschichte des Vorsitzenden Alcides Jose Almeida Rodrigues. Welche Erinnerungen hat er an seine Migration, und was versteht er unter Heimat?

José Rodrigues wurde 1962 in einem beschaulichen portugiesischen Thermalort namens São Pedro do Sul geboren. Bis zu seinem achten Lebensjahr lebte er dort mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern. Dann herrschte Aufbruchsstimmung: Im Juni 1970 verließ der Vater die Familie und ging als „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Über das deutsch-portugiesischen Anwerbeabkommen wurde er dem Osnabrücker Automobilzulieferer Karmann zugewiesen. Kaum war er angekommen, stand drei Monate später plötzlich seine Ehefrau vor der Tür. Ohne sein Wissen und ohne das Wissen der Behörden war sie ihm nachgereist.

Herr Rodrigues erzählt: „Meine Mutter war die erste portugiesische Frau hier in Osnabrück.“ Der typische portugiesische Einwanderer in Osnabrück war männlich und im arbeitsfähigen Alter, mit wenigen oder keinen Qualifikationen. Frauen dagegen erschwerten die strengen Auswanderungsgesetze der portugiesischen Regierung die Ausreise. Das hatte zur Folge, dass viele Familien getrennt leben mussten. Doch Frau Rodrigues widersetzte sich einfach den Obrigkeiten und reiste auf eigene Faust nach Deutschland. Angekommen in Osnabrück, besorgte sie sich erstaunlich schnell die notwendige Aufenthaltsgenehmigung. Ob die Großzügigkeit der Behörden damit zusammenhing, dass es aufgrund der boomenden Wirtschaft nun auch für Frauen Beschäftigungsmöglichkeiten gab, oder ob die Sachbearbeiter ihre Art lustig fanden, als sie sagte: „Mach mir mal den Stempel drauf!“, wird wohl ein Rätsel bleiben. Außer Frage steht, dass ihr dieser Stempel ermöglichte, in Osnabrück alles soweit zu organisieren, dass sie ihre Kinder nachholen konnte.

Die anschließende abenteuerliche Zugfahrt führte die Mutter mit ihren vier Kindern durch halb Europa. Herr Rodrigues erzählt, dass das Reisen mit der Eisenbahn aufgrund des vielen Umsteigens und der fremden Sprachen damals sehr kompliziert war. Aber seine Mutter sei sehr impulsiv gewesen und habe sich zu helfen gewusst. Er staunt über ihren Mut, der für die damalige Zeit und gerade für portugiesische Verhältnisse außergewöhnlich gewesen sei. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Familie Rodrigues Anfang 1971 wieder vereint war; allerdings nicht mehr in Portugal, sondern in Osnabrück.

Was veranlasste seine Eltern, ihre vertraute Umgebung zu verlassen und den Aufbruch in die Ungewissheit zu wagen? Ihr leitendes Motiv war der Wunsch nach Arbeit und sozialem Aufstieg. „In Portugal waren die Zeiten nicht rosig.“ Die Arbeitslosenquote war hoch und selbst die Menschen, die Arbeit hatten, kamen nur schwer zurecht, weil ihr Einkommen kaum zum Leben reichte. Unter António Salazars Diktatur (1933–1974) hatte Portugal eine derart starre Gesellschaftsstruktur, dass selbst kleinste soziale Aufstiege schwer waren. Der ländlichen Bevölkerung bot sich als einzige Möglichkeit zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage die Auswanderung an. Mit der Unterzeichnung des Vertrags zur Anwerbung portugiesischer Gastarbeiter von 1964 wurde die Bundesrepublik zu einem wichtigen Empfängerland portugiesischer Gastarbeiter.

Wie die meisten Gastarbeiter wollten auch Rodrigues’ Eltern nur zwei bis drei Jahre bleiben. Die Einwanderungssituation wurde von allen Gruppierungen, die in den Anwerbeprozess involviert waren (Unternehmer, Gewerkschaften, Regierungen und die Gastarbeiter selbst), als temporär angesehen. Den meisten Portugiesen ging es darum, möglichst viel Geld zu sparen, um sich und ihren Kindern damit in Portugal ihre Existenz zu sichern. Viele Bekannte der Rodrigues’ haben sich mit dem erwirtschafteten Geld tatsächlich in der alten Heimat ein Haus gebaut und sind bald darauf zurückgekehrt.

Das „Problem“ seiner Eltern sei gewesen, dass sie sich ziemlich schnell an einen konsumorientierten Lebensstil angepasst hätten: „Wohlstand bringt Konsum.“ So besorgte sich die Familie Rodrigues erst einmal einen Fernseher, den zur damaligen Zeit kaum ein Privathaushalt in Portugal besaß. Dann schafften sie sich ein Auto an usw. Sie wurden Teil der Konsumgesellschaft und vernachlässigten zunehmend das Sparen. Zugleich ließ der Wunsch nach einer Rückkehr in die Heimat immer weiter nach.

José Rodrigues hat sich in Osnabrück immer wohl gefühlt. Eine besonders einprägsame Erfahrung machte er gleich zu Beginn seiner Schulzeit. Als er eines Tages verschlafen hatte, ging er vor lauter Angst, der Lehrer könnte ihn dafür mit Schlägen bestrafen, einfach nicht zum Unterricht. Von Portugal war er eine gewisse Härte gewohnt – Züchtigungen durch den Lehrer waren dort damals üblich. Natürlich hatte er am darauf folgenden Morgen das gleiche Problem: „Wie willst du ihm jetzt erklären, wo du gestern warst?“ Am Ende waren es drei Monate, die er nicht zur Schule ging. „Keiner hat’s gewusst.“ Selbst seine Mutter erfuhr erst davon, als ein Brief nach Hause kam, dass ihr Sohn der Schule fernblieb. Völlig verängstigt trat er schließlich nach seiner Rückkehr in die Schule vor seinen Lehrer Schulte. „Und dann hat der mich so liebenswert begrüßt!“ Er ist der einzige Lehrer, von dem er heute noch den Namen weiß. Herr Schulte war „so richtig nett“.

Ist Osnabrück für den Jungen von damals mittlerweile Heimat geworden? Hier hat José Rodrigues seine Familie, seine Freunde und eine vertraute Umgebung. Zum Sommer hin freue er sich immer sehr auf den Urlaub in Portugal, aber dann, gegen Ende des Urlaubs, käme doch die Sehnsucht nach Deutschland, nach dem Alltäglichen. „Wir sind ja Gewohnheitsmenschen“, sagt José Rodrigues. Es gäbe bestimmte Schritte, die wir jeden Tag machen. So kommt er zum Beispiel jeden Nachmittag in den portugiesischen Verein. „Wenn mir das jetzt auf den Schlag weggenommen wird, dann fehlt erst mal was.“

Genauso würden ihm aber die regelmäßigen Besuche in Portugal fehlen, durch die er viele seiner Kontakte aus der Kindheit aufrecht erhalten konnte. Der fortwährende Kontakt zu seinen Schulfreunden und Verwandten geben ihm den Anlass, immer wieder nach São Pedro do Sul zurückzukehren. Ein kleines Stück dieser alten Heimat findet José Rodrigues in den Räumlichkeiten des portugiesischen Vereins „Vasco da Gama e.V.“ Hier spielt er täglich Karten mit seinen portugiesischen Freunden und tauscht sich über Neuigkeiten aus Portugal und über Alltägliches in Osnabrück aus.

Der Sohn portugiesischer Eltern hat in Deutschland eine neue Heimat gefunden, ohne die alte zu verlieren. Trotz seines neuen Lebensmittelpunktes in Deutschland, bleibt der besondere Bezug zu Portugal bestehen: José Rodrigues fühlt sich als Portugiese: „Ich habe mein Herz eigentlich trotzdem immer noch in Portugal.“ Jedes Mal, wenn er seinen Heimatort besucht und in seinem Lieblingscafé an der Mündung zweier Flüsse sitzt, hat er ein ganz besonderes Gefühl: „Man fühlt sich irgendwie anders; als wenn man sagt: Das ist mein Zuhause.“

So wird sich für José Rodrigues’ auch einmal die Frage stellen, in welcher Erde er beerdigt werden möchte. Seine Eltern haben – und darin drücken sich ihre unterschiedlichen Bindungen aus – das für sich unterschiedlich entschieden. Wenn José Rodrigues ihre Gräber besuchen möchte, muss er in zwei Länder fahren. Denn sein Vater wollte in Portugal begraben werden. Das Grab seiner Mutter, der ersten Osnabrücker Portugiesin, befindet sich dagegen in Deutschland.

(Miriam Ohlmeyer)


Steckbrief

Titel: Portugiesischer Verein Vasco da Gama e.V. in Osnabrück (Bremer Straße 60)
KünstlerIn/HerstellerIn: Miriam Ohlmeyer
Material/Technik: Foto
Herstellungsort: Osnabrück
Datierung: 20. Februar 2012
Bemerkungen: Vorsitzender: Alcides Jose Almeida Rodrigues

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