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11. VG – die erzwungene Emigration eines Osnabrücker Künstlers

"Komposition K33", Ölgemälde von Friedrich-Vordemberge-Gildewart (1899-1962), Osnabrück 1927

Als der in Osnabrück geborene Künstler Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899–1962) dem Osnabrücker Museum im April 1932 sein abstraktes Gemälde „Komposition K 33“ als Dauerleihgabe überreichte, hatte er sich mit seiner abstrakten Malerei in der internationalen Kunstszene bereits einen Namen gemacht. Der Avantgardekünstler „VG“ gehörte unterschiedlichen Gruppen an. 1925 trat er „De Stijl“ um Piet Mondrain und Theo van Doseburg bei. 1927 gründete er in Hannover gemeinsam mit Kurt Schwitters, Hans Nitzschke und Carl Buchheister „die abstrakten hannover“, ferner den „ring neue werbegestalter“. In Paris gehörte er 1932 zu den Gründern der Gruppe „abstraction-création“. Zu diesem Zeitpunkt hatte VG schon an wichtigen internationalen Kunstausstellungen in Berlin, New York, Mannheim, Zürich und Paris teilgenommen. Seine erste Einzelausstellung fand 1929 in Paris statt.

Dieser internationalen Wertschätzung seiner Kunst widersprach die Missachtung, die VG im nationalsozialistischen Deutschland entgegenschlug. Die Kulturpolitik im Nationalsozialismus führte allgemein zur Überprüfung aller Kunstbestände in den öffentlichen Sammlungen. In Osnabrück wurde die Gemäldesammlung des Museums 1936/37 gesichtet und „überarbeitet“: „Bilder, die im Sinne nationalsozialistischer Kunstauffassung für unsere Zeit unmöglich sind, wurden ausgeschieden“, heißt es 1937 in einem Zeitungsartikel. Auch VG’s Komposition K 33 wurde aus dem Museum entfernt. Im Inventarbuch heißt es dazu lapidar: „Als ungeeignet ausgeschaltet auf Grund Beurteilung in Berlin.“

VG wurde wie viele der damals modernen Maler trotz ihrer internationalen Anerkennung verfemt. Den Höhepunkt dieser Ächtung der Moderne bildete ihre diffamierende Art der Präsentation in der Ausstellung „Entartete Kunst“, eröffnet am 19. Juli 1937 in den Münchner Hofgartenarkaden. Tags zuvor hatte Adolf Hitler persönlich das „Haus der deutschen Kunst“ mit der Ausstellung „100 Jahre deutsche Malerei und Plastik“ eröffnet. Die damit intendierte bewusste propagandistische Gegenüberstellung von „schlechter“ und „guter“ Kunst diente Hitler Anfang August am „Tag der deutschen Kunst“ als Kulisse, um die Richtlinien für die nationalsozialistische Kunstauffassung festzulegen. Damit wurde die scharfe Trennung von „deutscher“, d.h. traditionaler, und „entarteter“ bzw. „volksfremder“ Kunst in Deutschland verbindlich. Daraufhin wurden die Bestände aller öffentlichen Kunstsammlungen ohne Rücksicht auf Rechtsform und Eigentumsverhältnisse gemäß diesen Richtlinien überprüft und Bilder beschlagnahmt, die nicht den Kriterien der NS-Kunst entsprachen. Auf der „Tagung deutscher Museumsleiter“ im Reichserziehungsministerium im November 1937 wurde der Ankauf moderner Kunst schließlich untersagt.

Nachdem seine Arbeit in Deutschland keine Anerkennung mehr fand und seine Arbeiten 1938 in der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ in Berlin gezeigt wurden, entschloss sich VG zur Auswanderung und emigrierte 1938 in die Niederlande. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnte er noch in Den Haag, Zürich, Amsterdam, London, Baltimore, New York und Paris ausstellen und dort seine Position als Künstler der Moderne weiter festigen. Nach 1945 setzte er seinen Weg fort und erlangte weiterhin internationales Renommee. Nach Deutschland kehrte er erst in den 1950er Jahren zurück. 1954 nahm er die Berufung an die Hochschule für Gestaltung in Ulm an und leitete dort die Abteilung für visuelle Kommunikation. Osnabrück ehrte VG 1955 mit der Verleihung der Justus-Möser-Medaille als höchster Auszeichnung der Stadt.

Was aber wurde aus der „Komposition 33“? VG’s Nachforschungen über den Verbleib seiner Leihgabe belegen die mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft, das schwere und unbequeme historische Erbe der NS-Zeit ernsthaft anzugehen. 1947 bat der damalige Museumsdirektor Walter Borchers (1906–1980) den Maler um Hilfe bei der Einrichtung eines Raumes mit Osnabrücker Künstlern. Vordemberge-Gildewart reagierte zunächst eher zurückhaltend. Als er 1953 Borchers nach dem Verbleib seiner verschollenen „Komposition 33“ befragte, zog sich der Museumsdirektor auf die juristisch nicht anfechtbare Position zurück, die Stadt sei für den Verlust „nicht haftbar zu machen“, da die Beschlagnahme durch eine NS-Kommission durchgeführt worden sei. Von Bedauern oder einem Bemühen, angesichts des offensichtlichen Unrechts VG in irgendeiner Form zu unterstützen, ist in der Antwort nichts zu spüren. Borchers kam stattdessen in demselben Schreiben erneut auf seine Bitte von 1947 zurück: „Ich würde es sehr begrüßen, und es wäre nett, falls Sie den Verlust verschmerzen können, wenn Sie uns ein anderes Bild – ebenfalls als Leihgabe – für das Museum gäben, damit in Osnabrück nicht vergessen wird, daß es noch einen Maler Friedrich Vordemberge gibt.“

Trotz dieses unsensiblen Verhaltens fand sich Vordemberge-Gildewart in der Folge mehrfach zur Kooperation bereit; etwa bei der Ausstellung „Künstlerisches Schaffen – industrielles Gestalten“. 1955 nahm er auch die Möser-Medaille an. Das lässt sich vermutlich nur mit der zeitlebens bestehenden engen Bindung des als nostalgisch beschriebenen Künstlers an seine Geburtsstadt erklären, die durch die Emigration und die erfahrene Ablehnung wohl eher noch verstärkt als abgeschwächt wurde.

P.S.

1963, nach VG’s Tod, schenkte seine – jüdische – Frau Ilse Leda der Stadt Osnabrück sein Gemälde „K 144/1943“. Die „Komposition 33“ bleibt bis heute verschollen.


Steckbrief

Titel: Komposition K 33
KünstlerIn/HerstellerIn: Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899–1962)
Material/Technik: Öl auf Leinwand
Herstellungsort: Osnabrück
Datierung: 1927
Maße: unbekannt
Bemerkungen: Leihgabe des Künstlers 1932; seit ca. 1937 verschollen
Aufbewahrungsort: Museum der Stadt Osnabrück, Inv.-Nr. 7006

Wegen Umbau geöffnet

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