Die „Matrjoschka“ ist ein beliebtes, für Russland typisches Spielzeug. Die stilisierten bemalten Holzpuppen können ineinander geschachtelt oder als Einzelfiguren nebeneinander gereiht werden. Eine Matrjoschka wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Doch gerade dieses Objekt lässt sich gut als Symbol für die Erfahrungen der Russlanddeutschen lesen. Jede Schicht steht für eine andere Phase ihrer Geschichte – Auswanderung, Verfolgung, Neuanfang. So wie sich die Figuren ineinanderfügen, überlagern sich auch Erinnerungen und Identitäten.
Viele Russlanddeutsche kamen ursprünglich unter Katharina der Großen nach Russland. Sie siedelten zum Teil in ganzen Dorfgemeinschaften über und erhielten Land sowie besondere Rechte. Über Generationen hinweg bauten sie dort ihre Existenz auf. Dieser Zustand änderte sich, als in Folge der beiden Weltkriege die Lebensgrundlage unzähliger Menschen zerstört waren. Mit den deutschen Aggressoren in Verbindung gebracht, waren Russlanddeutsche in der Sowjetunion unter anderem Deportationen und Diskriminierung ausgesetzt, was bei vielen Menschen über die Ausreise nach Deutschland hinaus Spuren hinterließ.
Folglich kehrten seit den 1970er Jahren rund 2,5 Millionen Nachfahren der frühen ehemaligen deutschen Emigrantion als Spätaussiedler:innen zurück nach Deutschland. Dort erhielten sie meist schnell Staatsbürgerschaften oder Aufenthaltstitel und konnten sich dadurch in vielen Fällen erfolgreich integrieren. Dem Historiker Jannis Panagiotidis nach fehlte es trotz dessen an gesellschaftlicher Anerkennung. Russlanddeutsche galten vielen als „nicht deutsch genug“, zugleich aber auch als „nicht fremd genug“, um Solidarität zu erfahren. Dieser Zwiespalt prägt die Wahrnehmung vieler Russlanddeutschen bis heute.
Auch aus diesem Grund spielten Freikirchen für viele eine wichtige Rolle. Dort fanden sie Gemeinschaft, Unterstützung und auch Orientierung. Von außen wurde dieses Verhalten teilweise als bewusste Abgrenzung gedeutet. Mit dieser Wahrnehmung verbunden ist der Aspekt, dass gemäß wissenschaftlicher Untersuchungen eine Korrelation zwischen streng katholischen Anhänger:innen russischer Freikirchen und AfD-Wähler:innen festgestellt wurde. Grundsätzlich ist das politische Spektrum Russlanddeutscher jedoch breiter. Von konservativen Strömungen bis hin zu einer starken Beteiligung im linken Parteienspektrum – ein einheitliches Bild gibt es nicht.
Auch hier zeigt sich: Integration ist ein vielschichtiger Prozess, der mitunter von Spannungen begleitet wird. Die Matrjoschka symbolisiert, dass Migration mehrschichtig ist. Die Erfahrungen der Russlanddeutschen lassen sich nicht auf eine einzelne Erzählung reduzieren. Jede Generation trägt die Geschichte der vorherigen mit, gleichzeitig entwickelt sich ein eigenes Bild. Dass diese Geschichte in Deutschland bis heute kaum sichtbar ist, hängt nicht mit einem Mangel an Relevanz zusammen, sondern mit einer für die Menschen spürbaren mangelnden Anerkennung. Wer die Matrjoschka öffnet, sieht: Die Figuren sind unterschiedlich groß, aber alle gehören zusammen. Genau so lässt sich auch die Geschichte der Russlanddeutschen verstehen – als ein Geflecht aus Brüchen, Anpassungen und neuen Anfängen, das nur im Zusammenhang sichtbar wird.
(Jonna Leja Kanzler)
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