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52. Feuer in Westerkappeln – Über Vorurteile, Verdacht und die Wirklichkeit

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Am 7. Februar 2018 brennt in Westerkappeln ein Geschäft aus. „Orientladen durch Explosion zerstört“, lautet einen Tag später die Schlagzeile in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Im Text und in der Bildunterschrift wird über einen fremdenfeindlichen oder politisch motivierten Anschlag gemutmaßt. Warum?

 

Es ist mitten in der Nacht, als plötzlich der „Orientladen“ am Kreuzplatz in Flammen steht. Menschen werden durch den Lärm aus ihren Betten gerissen, Sirenen heulen, Glas splittert. Niemand wird verletzt, doch der Schock sitzt tief. Bald schon wird spekuliert. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen, der Staatsschutz wird hinzugezogen. Die Nachrichten berichten: Der Besitzer des Ladens sei Deutscher – mit kurdischen Wurzeln. Viele fragen sich: War das ein rassistischer Anschlag? Ein weiteres Kapitel in der Geschichte von Gewalt gegen Zugewanderte? Die Sorge ist groß, das Unverständnis auch: „Viele Westerkappelner wollen nicht glauben, dass ‚so etwas‘ in ihrem Dorf passiert ist“, heißt es in der Zeitung.

 

Bei Bränden oder Angriffen auf Läden mit „orientalischem“ Angebot oder von Inhaber:innen mit Zuwanderungsgeschichte werden schnell Erinnerungen wach. Erfahrungen mit rassistisch motivierter Gewalt in Deutschland sind zahlreich – spätestens seit den Brandanschlägen von Mölln, Solingen und Hoyerswerda in den 1990er Jahren. Die Belegschaft der Feuerwehr, Nachbarn, die Behörden – viele fragen sich instinktiv: Gilt der Angriff der Herkunft des Besitzers? Ist Fremdenhass im Spiel?

 

In solchen Situationen werden bestimmte gesellschaftliche Mechanismen sicht- und spürbar. Wer als „anders“ markiert ist, auf den richtet sich schnell der Verdacht, ein:e „Täter:in“ zu sein. Je nach politischer Ausrichtung oder humanistischer Prägung entsteht bei anderen die Sorge, dass „anders“ Gelesene Ziel von politisch motivierter Gewalt sein könnten. In der Geschichte aus Westerkappeln schreiben Journalist:innen vom „Orientladen“, von der „Existenz eines Kurden“, vom „Ausschließen eines fremdenfeindlichen Hintergrunds“. All dies zeigt: Herkunft bleibt in öffentlichen Diskursen oft ein zentrales, manchmal stigmatisierendes Element.

 

Die Geschichte vom explodierten „Orientladen“ erfährt Wochen später im Gerichtssaal eine Wende. Dort gibt der Besitzer bei seiner Vernehmung selbst zu, dass er in der Hoffnung auf schnelles Geld und getrieben von Drogenschulden gemeinsam mit Bekannten das Feuer gelegt habe. Die Mittäter: Zwei junge Männer aus dem Irak, Asylbewerber, die ihrerseits in finanzielle Not geraten waren. Ein Netz aus Verstrickungen, Verzweiflung, Abstiegsangst und falschen Versprechungen. Kein politischer Anschlag, keine fremdenfeindliche Tat – stattdessen Versicherungsbetrug.

 

Die Zeitung benennt in der folgenden Berichterstattung ausführlich die Herkunft und den Aufenthaltsstatus der Mittäter. Es ist eine weitere Facette gesellschaftlicher Wahrnehmung: Sobald Menschen mit Fluchtgeschichte Teil eines Kriminalfalls werden, geraten ihre Herkunft und ihr Status in den Fokus. So werden individuelle Fehler schnell zum scheinbaren Merkmal einer ganzen Gruppe und soziale Vorurteile wirken fort.

 

Der Fall Westerkappeln zeigt, wie fragil das Geflecht zwischen individueller Schuld, gesellschaftlichem Klima und öffentlicher Wahrnehmung ist. Ein Brand im Laden eines deutschen Kurden genügt, um die Angst vor rassistischer Gewalt in den Mittelpunkt zu rücken – weil diese Gewalt real ist und Menschen in Deutschland ausgrenzende Erfahrungen machen. Gleichzeitig lenkt die rasche Fokussierung auf Herkunft und Status der Betroffenen oder Beteiligten immer wieder von der individuellen Verantwortung ab und verfestigt bestehende Stereotype. Daraus folgt die Notwendigkeit, zu differenzieren statt zu pauschalisieren, Individuen zu sehen und nicht vermeintlich homogene Gruppen zu konstruieren.

 

(Benjamin Look)

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