Das Europa des 19. Jahrhunderts richtete seinen Blick in die Ferne. Die fortschreitende koloniale Expansion, Handel und Mission erlaubten die Begegnung mit dem Neuen: Waffen, Textilien und Schmuckstücke fanden ihren Weg aus der ganzen Welt in bürgerliche Salons, naturkundliche Kabinette und museale Sammlungen. Im Zeitalter des Kolonialimperialismus erfüllten diese Objekte die Sehnsucht nach der Fremde, nach Besitz und nach der Bestätigung vermeintlicher Überlegenheit.
Am 6. Oktober 1888 erhielt das Osnabrücker Museum einen für europäisches Empfinden ungewöhnlichen Gegenstand geschenkt. Gymnasialdirektor Fischer, im Museum ehrenamtlich tätig, hatte es von dem in Osnabrück ansässigen Steuermann Prelle erhalten. Dieser hatte ihn von seinen Reisen in den Pazifikraum mitgebracht: ein reich verziertes Rohr aus Bambus, das auf zwei hölzernen Füßen ruht. Auf den Tonga-Inseln nannte man diese Objekte „kali“. Zumeist von Personen hoher Abstammung verwendet, sollten sie den Kopf – den heiligsten Teil des Körpers – während des Schlafes vor dem Kontakt mit dem Boden schützen.
Über diese praktische Funktion hinaus waren „kali“ mit Status und Spiritualität aufgeladen. Der Schlaf galt als die engste Verbindung der Lebenden zur Geisterwelt, der Kopf als Sitz von Würde und Macht. Dies war nur einer der Gründe, warum die Verzierungen auf den Kopfstützen zumeist kulturelle und spirituelle Vorstellungswelten widerspiegelten.
Diese Kopfstütze aber erzählt eine weitere, besondere Geschichte. Auf ihrer Oberfläche tummeln sich kontrastierende Bildwelten. Neben raffinierten Ornamenten und paradiesischen Vögeln finden sich Abbildungen, die von der Begegnung der Inselbewohner:innen mit der kolonialen Welt des 19. Jahrhunderts erzählen: ein Schiff mit hohen Masten und Schornsteinen, Männer in europäischer Kleidung und mit großen Hüten auf ihren Köpfen, ein palastartiges Gebäude.
Bei dem Schiff könnte es sich um die Darstellung eines Walfangschiffes handeln. Es ist bekannt, dass Bewohner aus dem pazifischen Raum auf europäischen und nordamerikanischen Walfangschiffen als Seeleute eingesetzt wurden. Sie könnten auf Deckhöhe mit ihren Köpfen dargestellt sein.
Abseits davon sind es nicht die Europäer:innen, die beobachten und urteilen; es sind die Kolonisator:innen selbst, die, eingebettet in traditionelle Ornamente und Naturmotive des polynesischen Raums, zu Objekten werden. Zu Teilen einer Geschichte, die von den Bewohner:innen Tongas in ihrer eigenen Bildsprache erzählt wird. Die Kopfstütze stellt damit weniger eine Trophäe kolonialer Sammelleidenschaft dar. Sie ist vielmehr Zeugnis eines seltenen und wertvollen Perspektivwechsels. Denn hier sprechen die Kolonisierten über die Kolonisierenden. Sie behalten das Heft des Handelns in der eigenen Hand (agency) und bewahren dadurch, für alle sichtbar, ihre Würde.
(Anna Louis
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